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ERZÄHLUNG: Die Liebe widersteht dem Tod

Peter Weibel weigert sich, einen ­ungerechten Tod anzuerkennen, und singt in «Der Schmetterling schläft» das Lied der Liebe und der Erinnerung.

Peter Weibel, 71, hat sich stets des Menschen und des Lebens angenommen, als Arzt und Autor in Bern. Die Worte, die er in seinen Büchern wählt, wirken wie heilende Hände. Ohne Sterben gibt es kein Leben, sagten die Erzählungen im Band «Im Gegenbild» 2007. Und im Lyrikband «Nachricht an das Leben» 2016 wollte Peter Weibel aus den Trümmern Worte bauen /aus den Worten Wider­stand / und vielleicht Hoffnung / und aus der Hoffnung wieder ­Häuser.

Das neueste Buch dieses unterschätzten, weil leisen Autors, knüpft daran an. Es ist das neunte, das Beat Brechbühl im Frauenfelder Verlag Waldgut ­herausgegeben hat. Und es ist ­Weibels zugleich verzweifeltstes und hoffnungsvollstes Buch, weil er es dem Leben abgehorcht hat. Lisas Leben, das an den Folgen der Schmetterlingskrankheit, einer nicht heilbaren Hautkrankheit, gestorben ist. In der Erzählung heisst das Mädchen Lea.

«Der Schmetterling schläft» trägt den Untertitel «Fragmente über den ungerechten Tod». Die 34 Fragmente sind wie Szenen aus der Erinnerung des Ich-Erzählers, sind sieben Zeilen lang oder eine knappe Seite, die Klammer bilden ein Satz und eine ­Frage: Ich weiss nicht genau, was es zu bedeuten hat, dass ich jetzt jeden Tag Leas Fragen höre und Wie ist es in einem gesunden Leben, wie ist das, wenn die Engel jeden Morgen zu Tisch sitzen?

«Keine Antworten, nur immer neue Fragen»

Lea kommt dem Erzähler entgegen, wie er am Fluss unterwegs ist; er sagt ihr, dass er ihre Fragen dem Fluss überbringen wolle. Aber der Fluss hält keine Antworten bereit. Nur immer neue Fragen.

Peter Weibels Sprache ist wie Poesie, sie schafft wunderbare Bilder. Für die beiden Schwäne, die wieder da sind und das Revier besetzen, ist es ein Anfang, wenn die Menschen gegangen sind – eine zarte Mehrdeutigkeit. Der Erzähler aber kämpft um diesen Neubeginn, kämpft mit seiner Verzweiflung, hadert mit der Unausweichlichkeit von Leas frühem Tod, obwohl sie es ihm gezeigt hat: das Dennoch-Leben – eben mit glühenden, begeisterten Augen, auch wenn der Tod jeden Tag nahe ist. Wenn er ganz nahe unter der wegsterbenden Haut sitzt.

Der Erzähler nimmt verschiedene Perspektiven ein. Er spricht illusionslos von der Medizin, die Wunder schaffe, aber die Ungerechtigkeit nicht abschaffe; von der Ungerechtigkeit, die zur Kraft wird, die Lea sich und die sie anderen schenke. Er geht die Wege an die gemeinsamen Orte am Wasser, muss Kater Graupp nie suchen, der gleich zur Stelle ist, wenn er das Bootshaus erreicht. Er spricht an Leas Statt über ihre Gefühlswelt, über die Verzweiflung, über den Schrecken, über den Schmerz, wenn der Verband gewechselt wird und die Haut wieder reisst.

Die Würde des Lebens liegt in seiner Einzigartigkeit

Fast ist es, als lebe sie noch: Wenn du in den Fluss hineinhorchst, sagt Lea, wenn du ganz lange in ihn ­hineinhorchst, kannst du die Zeit ­hören, dein Gehen durch die Zeit, die Geheimsprache der Zukunft. Und manchmal auch die Stimmen der Toten. Bisweilen hält der Erzähler Zwiesprache mit der Todgeweihten, die tanzt wie ein Schmetterling auf der dünnen Grenze zwischen einem Leben ohne Zukunft und dem erlösenden, dem endgültigen Tod.

Unendlich ruhig lässt Peter Weibel seine Gedanken wie das Wasser fliessen, er setzt nie ein Wort zu viel: Die Erinnerung häutet die Bilder, beginnt sie zu verbiegen. Er nimmt dem Tod nicht den Schrecken, auch nicht diesem ungerechten Tod, doch er relativiert ihn. Und weil er Lisa kannte, gibt er dem Leben die Würde zurück, die in seiner Einzigartigkeit liegt. «Der Schmetterling schläft» ist von einer Poesie und einer Eindringlichkeit, die ihresgleichen sucht.

Dieter Langhart

dieter.langhart@tagblatt.ch

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