ERZÄHLTHEATER: Don Juan jagt eine tote Frau

Über 20 Rollen und drei Schauspieler für «Don Juan kommt aus dem Krieg»: Arnim Halter macht im Theater Parfin de siècle aus dem Horváth-Stück 20 Minidramen.

Mirjam Bächtold
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Szene mit Matthias Flückiger und Regine Weingart. (Bild: Ralph Ribi)

Szene mit Matthias Flückiger und Regine Weingart. (Bild: Ralph Ribi)

Mirjam Bächtold

ostschweizerkultur

@tagblatt.ch

Drei Notenständer stehen als Lesepulte im Zentrum der Bühne, denn im Zentrum von Arnim Halters Inszenierung steht Ödön von Horváths Sprache. Halters Inszenierung von «Don Juan kommt aus dem Krieg» ist kein Schauspiel im klassischen Sinne, sondern eine Collage aus Lesung und andeutungsweise gespielten Szenen. Einen Patchwork-Teppich nennt es Arnim Halter: «Ich musste eine bescheidene Variante finden, drei Schauspieler über 20 Rollen spielen zu lassen», sagt der Regisseur. Das ist ihm gelungen.

Das Stück beginnt mit dem Waffenstillstand von Compiègne im Jahr 1918. Don Juan kehrt aus dem Krieg zurück und will seine Braut suchen, die er kurz vor der Hochzeit verlassen hatte für «erotische Skandalaffären», wie es eine ehemalige Nachbarin der Braut ausdrückt. Don Juan ist überzeugt, dass der Krieg einen besseren Menschen aus ihm gemacht hat. Er will seiner Braut fortan treu sein. Doch als sie ihm auf seine unzähligen Briefe nicht antwortet, kann er den Frauen nicht länger widerstehen. Horváths Stück zeigt nebst dem «Don Juanismus» auch den Beginn einer neuen Zeit. «Die Welt und die Werte ändern und verschieben sich. Die Nachwirkungen dieser Epoche sind bis heute spürbar. Deshalb habe ich dieses Stück gewählt», sagt Halter. Ausserdem sei er fasziniert von Horváth, von dem er bereits verschiedene Stücke inszeniert hat.

«Er sucht sich die Liebe stückerlweise zusammen»

Die Inszenierung gibt in den 20 Minidramen Einblicke in verschiedenste Stationen, zeigt Figuren und Menschen in ihren Nöten und Ängsten. Regine Weingart und Pia Waibel lesen und spielen zu zweit 24 Rollen: Mal sind sie leichte Mädchen, dann Krankenschwestern, wechseln von der Grossmutter und ihrer Magd in die Rollen zweier Kunstgewerblerinnen oder der Mutter und ihrer Tochter. Eine logistische Leistung, die die beiden Schauspielerinnen vollbringen. Die Konstante in diesen rasanten Wechseln bildet Matthias Flückiger, der immer Don Juan spielt. Die einzige Wandlung, die er durchmacht, ist die Genesung von der Spanischen Grippe. Die Inszenierung unterstützt also, was Don Juan ausmacht: Er kann sich nicht ändern, er ist und bleibt ein Schelm und Frauenheld.

Die Szenen geben die Welt nach dem Krieg wieder. Jede könnte auch für sich stehen. Es sind Mini-Milieustudien der damaligen Zeit. Zusammen weben sie sich aber zu einer Geschichte. Passend zu dieser Zerstückelung setzt sich die Inszenierung aus gelesenen und gespielten Szenen zusammen. Die Handlung wird immer wieder unterbrochen. Dies spiegelt auch die Zerrissenheit der Hauptfigur Don Juan wider. Und sie zeigt sich in seiner Suche nach seiner geliebten Braut, von der er in jeder Frau etwas zu erkennen glaubt. «Bei der einen sind’s die Augen, bei der anderen ist’s der Mund. Bei mir sind’s die Beine. Er sucht sich seine grosse Liebe stückerlweise zusammen», bemerkt eine der Frauen trocken.

Stück soll eine Skizze bleiben

Don Juan jagt einem Ideal nach, das es nicht gibt. «Du wirst es nie finden, denn du hast kein Ideal mehr. Es ist tot», sagt seine verbitterte Vermieterin. Wie recht sie damit hat, zeigt sich erst später im Stück, als Don Juan das Grab seiner Braut findet. Doch Horváths mehrdimensionale Sprache meint damit nicht nur die verstorbene Traumfrau.

Diese Mehrdeutigkeit fasziniert Halter an Horváth. «Die Magie seiner Sprache ist wichtiger als die Psychologisierung der Figuren», sagt er. Aus diesem Grund liest Halter während des Stücks die Regieangaben laut vor. Nicht nur in den gelesenen, sondern auch in den gespielten Szenen, obwohl man sieht, was die Schauspieler tun. Dadurch erhalten die Szenen etwas Groteskes, fast Witziges. «Ich wollte die Szenen verfremden, das Spiel soll eine Skizze bleiben», sagt Halter. Die Figuren sollen kein anderes Eigenleben zeigen auf der Bühne. Was er zeigt, ist episches Theater im Brechtschen Sinn, eine Bühne für die Sprache.

Di/Mi/Fr, 4./5./7.4., 20 Uhr;

weitere Aufführungen bis 2.5.

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