Erwachsenwerden und Sterben

Solothurner Filmtage Dem Publikum und den Juries gefielen unter den Spielfilmen gefühlige Geschichten am besten, die man bereits von anderen Festivals her kannte, der Dokumentarfilm bot eine noch grössere Vielfalt als in früheren Jahren. Zur Entdeckung avancierte die Komödie «Opération Casablanca» aus der Romandie. Geri Krebs

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Überdrehter Spass: Tarik Bakhari und Elodie Yung in «Opération Casablanca» von Laurent Nègre. (Bild: pd)

Überdrehter Spass: Tarik Bakhari und Elodie Yung in «Opération Casablanca» von Laurent Nègre. (Bild: pd)

Filmfestivals gelten auch als Seismographen gesellschaftlicher Entwicklungen, und so sucht man gerne nach Tendenzen, Trends und vorherrschenden Themen. Dieses Jahr war in Solothurn auffällig, dass unter neuen herausragenden Filmen sich eine ganze Reihe mit Problemen der Jugend befassten, während am anderen Ende der thematischen Skala aber auch viele Werke dem Tod und dem Alter gewidmet waren.

Überzeugende Dok-Filme

Zu ersteren gehörte bei den Spielfilmen etwa das Jugenddrama «Silberwald» der jungen Baslerin Christine Repond. Doch was dieser gutgemeinten Geschichte um das Abdriften von zwei jungen Männern vom Land in die Neo-Nazi-Szene an Leben, Glaubwürdigkeit und Esprit fehlte, das wurde in gleich drei Dokumentarfilmen viel überzeugender vermittelt.

Da war zum einen die vierteilige, monumentale Langzeitstudie «Roman d'ados» von Béatrice Bakhti (nominiert für den CH-Filmpreis), dann das erfrischende Porträt dreier Teenager-Mütter «Mit dem Bauch durch die Wand» von Anka Schmid, und schliesslich die subtile Beobachtung der Entwicklung von vier Teenagern aus zwei Ehen in «Familie Egloff» von Dieter Gränicher.

Dokument des Sterbens

Lebensbejahung und Aufbruchstimmung, die diese Filme kennzeichneten, waren andererseits aber auch in einem der intensivsten und erschütterndsten Filme dieser Filmtage präsent, der vom Lebensende zu Jugendzeiten handelte. Die Rede ist vom Dokumentarfilm «Bouton», in welchem der Bieler Res Balzli in intensiver Zusammenarbeit mit der Protagonistin die letzten Lebensmonate von Johana Bory dokumentierte, einer mit ihm befreundeten Marionetten- und Theaterschauspielerin, die vor Jahresfrist im Alter von 33 Jahren verstarb.

Die Auseinandersetzung mit dem Ende stand aber auch in zahlreichen Spielfilmen im Zentrum, am berührendsten bei Lea Pools «La dernière fugue», dann aber auch bei dem in zwei Kategorien für den CH-Filmpreis nominierten Drama «La petite chambre», sowie in zwei Dramen mit Bruno Ganz in der Hauptrolle: «Satte Farben vor Schwarz» und « Das Ende ist mein Anfang».

Genfer Überraschung

Bei so viel Tod und Trauer tat es gut, dass eine der grössten Entdeckungen dieser Filmtage schliesslich ein Film war, der als Komödie schräg und quer in der Landschaft lag. Die Rede ist von «Opération Casablanca» des Genfers Laurent Nègre, ein grell-bunter, völlig überdrehter Spass, der bezüglich Tempo, Witz und Originalität der Gags weit über das hinausgeht, was solche (Deutsch-)Schweizer Komödien wie «Liebling, lass uns scheiden», «Länger leben» oder auch der mehrfach

für den Filmpreis nominierte «Der Sandmann» an Strapazierung des Zwerchfells zu bieten haben.

Minenfeld von Unkorrektheiten

Die durchgeknallte Story um einen kleinen, sich illegal in der Schweiz aufhaltenden marokkanischen Küchenburschen (Tarik Bakhari), der sich nach einem Zwischenfall mit seinem Chef (Jean-Luc Bideau) unversehens auf der Strasse und gleich darauf mitten in einem terroristischen Coup islamistischer Fanatiker befindet, ist ein rasender Parcours durch ein Minenfeld voller politischer Unkorrektheiten.

Niemand weniger als den – japanischen – Uno-Generalsekretär haben moslemische Finsterlinge im beschaulichen Genf gekidnappt, und der stets treuherzig dreinblickende Protagonist, der sich bei Bedarf gerne als feuriger Latino ausgibt, sieht sich mit einer Maschinerie konfrontiert, bei der ein schmieriger Schweizer Chefermittler namens Glauser (Gilles Tschudi) noch die harmloseste Figur ist in einem Sammelsurium von Bösewichten jeglicher Couleur und Herkunft.

Bravouröses Supplement

Dass die Spanierin Julieta Serrano in einer Nebenrolle zu sehen ist, passt als Supplement in das Universum dieses Films, dessen schrille Töne etwas an die frühen Werke Pedro Almodóvars erinnern. Die mittlerweile 78jährige Schauspielerin hat in den 80er-Jahren in insgesamt fünf Filmen des grossen Spaniers mitgespielt, und die Rolle der resoluten Hausfrau, die sich plötzlich inmitten eines gigantischen Chaos behaupten muss, verkörpert sie auch hier mit Bravour.

Es bleibt zu hoffen, dass dieser geniale Kinospass auch seinen Weg in die Kinos der Deutschschweiz finden wird.

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