Erwachsen aus der Rebellion

Heute starten in Solothurn die 50. Filmtage. Sie sind seit ihrer Gründung die wichtigste Werkschau des Schweizer Films. Es ist eine bewegte Geschichte.

Andreas Stock
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Am Anfang stand die Rebellion. Sie entsprang Mitte der 1960er-Jahre einer grossen Unzufriedenheit über den Schweizer Film. Noch geprägt von der geistigen Landesverteidigung, existierte die heimische Filmproduktion eigentlich vor allem in Form sogenannter Kultur- und Erziehungsfilme. Nur solche «kulturell oder staatspolitisch wertvollen» Produktionen wurden mit dem neuen Filmgesetz ab 1963 finanziell unterstützt. Spielfilme waren von dieser Förderung noch ausgeschlossen. Und die wenigen Schweizer Spielfilme, die es gab, waren vor allem Heimatfilme, die eine heile Welt zeigten.

Verschworene Gruppen

Der Unmut formierte sich, ausgelöst durch eine allgemeine Aufbruchstimmung in der internationalen Filmszene und auf beiden Seiten des Röstigrabens. In der Romandie entstand die Groupe 5 um eine Handvoll Filmer, unter ihnen Alain Tanner und Claude Goretta. Und in der Deutschschweiz blühten die Filmclubs, die sich dem experimentellen, aufmüpfigen Kino jenseits des Mainstreams widmeten.

Es war dann auch die Filmgilde Solothurn, eine Vereinigung von Filmfreunden, die dem traditionellen Schweizer Film die Daseinsberechtigung grundsätzlich absprach. Der neue «Film der Schweiz» sollte eine ehrliche, unprätentiöse Analyse der helvetischen Gegenwart bieten; er sollte «keine gouvernementale Propaganda» mehr sein, sondern man verstand Unterhaltung als «ästhetisches Erlebnis». Die Filmgilde lud darum vom 28. bis 30. Januar 1966 zu einer nationalen Wochenendtagung unter dem Titel «Schweizer Film – heute». Ein verschworener kleiner Kreis traf sich in rauchgeschwängerten Sälen zu Diskussionen; es wurde eine Informationsschau mit 20 Filmen gezeigt, darunter der experimentelle «Pazifik – oder die Zufriedenen» von Fredi M. Murer. Aber auch zwei Filme, die zuvor bereits an der Expo 1964 viel Staub aufwirbelten: Der legendär gewordene «Siamo Italiani» von Alexander J. Seiler, eine ungeschönte Reportage über die italienischen Fremdarbeiter in der Schweiz, und «Les apprentis», Alain Tanners Dokumentation über die Lebensbedingungen der billigsten Arbeitskräfte der Industrie.

«Stunde null» von Solothurn

Die Solothurner Tagung war – trotz ihres improvisierten und «kulturellen Ghettocharakters», wie es Norbert Ledergerber im Buch zum 20. Geburtstag der Solothurner Filmtage beschrieb – eine Initialzündung für den «Neuen Schweizer Film». Die deklarierte «Stunde null» von Solothurn bedeutete einen radikalen Bruch mit dem bisherigen Filmschaffen. Auch wenn sich dieser Neuanfang am Ende der Tagung nicht in einem Manifest niederschreiben liess. Die Meinungen darüber, was der «Neue Schweizer Film» sein sollte oder sein musste, waren zu unterschiedlich. Die Tagung vom Januar 1966 war die Geburtsstunde der Solothurner Filmtage, wie sie bereits im Jahr darauf genannt wurden; sie erhielten zugleich mit der Schweizerischen Gesellschaft Solothurner Filmtage eine eigene nationale Trägergesellschaft.

Ohne Politik geht es nicht

Die Solothurner Filmtage wurden damit von Beginn weg auch eine massgebliche Triebfeder der Schweizer Filmpolitik. Die Leiter der Werkschau bezeichneten es immer wieder als eine Hauptaufgabe, ein «filmpolitisches Forum» zu sein. Und in Solothurn wurde gestritten und erstritten. Beispielsweise, dass es eine Filmförderung braucht oder eine Ausbildungsstätte. Und gefordert, dass Dokumentarfilme wie «Siamo Italiani» doch ihren Weg in die grossen Kinos finden müssten. Denn im von ausländischen Spielfilmproduktionen dominierten Kinobetrieb hatten solche Filme keine Chance, gespielt zu werden. Gezeigt wurden sie in den Filmclubs, in Schulen, Pfarreisälen oder Vereinslokalen. Erst 1970 wurde mit dem Film-Pool ein nichtkommerzieller Verleih für Schweizer Filme geschaffen.

Filmpolitische Diskussionen oder Podien über die Rolle und Zukunft des Schweizer Films gehören noch immer ganz selbstverständlich zum Solothurner Programm. Die aktuell schwierigen Bedingungen für den Schweizer Film – insbesondere durch die Sistierung des Media-Abkommens mit der EU – sind an den 50. Filmtagen darum als Gesprächsthema traktandiert. Und in einer der Rahmenveranstaltungen geht es beispielsweise um die digitale Archivierung des Schweizer Films. Und in einem Panel, zu dem der Verband der Schweizer Filmjournalisten einlädt, um die Frage: Profitiert auch der Schweizer Film vom Kinoboom? Mögen diese Diskussionen auch nicht mehr so hitzig und kontrovers geführt werden wie einst. Unverzichtbar sind sie dennoch.

Unumgängliches Los der Auswahl

Die Filmtage verstanden sich stets als eine Werkschau des «freien, unabhängigen schweizerischen Filmschaffens» und eines Autorenfilms, der als Medium für eine «persönliche künstlerische Aussage» definiert wurde und zugleich eine «gesellschaftskritische Analyse» beanspruchte. Das Werkschau-Prinzip – alles wird gezeigt – stiess aber zunehmend auf Kritik. Vermehrt wurde eine kritische Vorauswahl der Filme verlangt und 1974 wünschte sie die NZZ von den Filmtagen den «Mut zur Selbstreformierung». Die Filmtage müssten sich ebenso wie die Filmschaffenden der Professionalisierung anpassen. Als 1976 das Publikum auf die Werkschau «ungeduldig und böse» reagierte, wie Norbert Ledergerber schreibt, habe auch das Departement des Inneren eine «straffere Vorselektion, die der qualitativen Entwicklung des schweizerischen Filmschaffens Rechnung trägt», gefordert. So wurde eine Programmkommission eingesetzt und die qualitativen Anforderungen an die Werke leicht erhöht. Doch erst 1980 mit der 15. Austragung wurde der Grundsatz der «anzustrebenden Vollständigkeit» fallengelassen. Nicht etwa aus Überzeugung, wie Ledergerber festhält, sondern aus einer organisatorischen Notwendigkeit heraus. Denn die Anzahl der eingereichten Filme wurde schlicht zu gross. Auch im Jubiläumsjahr 2015 werden rund 200 Produktionen gezeigt, die aus 680 Kandidaten ausgewählt wurden.

In ihrem Beitrag im Magazin «Du» (siehe Kasten) wünscht sich die Autorin Anne Cuneo den «Laborcharakter» von Solothurn zurück. Sie fordert das Recht auf «misslungene» Filme, weil man aus ihnen oft die ergiebigsten Lehren ziehen könne. Solothurn dürfe kein Festival wie die anderen werden. Dieser Wunsch, man möge die Auswahl nicht allein nach qualitativen Kriterien fällen, ertönt immer wieder mal, seit eine Auswahlkommission eingesetzt werden musste.

Brisante Videos und Unruhen

Auch die Veränderung der Filmtechnik war schon Anlass für heftige Debatten. Der Videofilm veränderte ab den späten 70er-Jahren die Filmszene frappant. Denn damit wurde es möglich, mit weniger technischem Aufwand und entsprechend kleinerem Budget einen Film zu drehen. Doch das neue Medium musste sich erst behaupten: Es sei «keine Kunst, nur Spielerei», schnödete man anfänglich an den Filmtagen. Videofilme und Super8-Filme wurden 1979 erstmals – versuchsweise – zugelassen. Zwar sprach die Bildqualität weiterhin gegen das Videoformat, aber die Filmemacher entdeckten die Chancen, die sich damit boten: Mit einer Videokamera war es möglich, mitten im Geschehen zu stehen und spontan zu filmen. Wie politisch brisant solche Filme sein konnten, zeigte sich 1981 mit «Züri brännt» über die Zürcher Jugendbewegung, die dann in mehreren Streifen Thema waren. Dies führte wieder einmal – und nicht das letzte Mal – zu einer Polemik über die politische Ausrichtung der Filmtage und gipfelte in nächtlichen Fassadenschmierereien in der Altstadt Solothurns.

Solch politisch brisante Filme gibt es kaum mehr – auch diese Klage hört man gelegentlich. Doch gäbe es solche Filme, Solothurn würde sie gewiss zeigen.

Drei Leiter in fünf Jahrzehnten

Heute steht vielmehr das Private im Fokus vieler Geschichten. Auch Filme, die von privaten Krisen handelten, schliessen eine politische Aussage nicht aus, meint Seraina Rohrer. Sie ist seit 2011 Direktorin der Filmtage – und nach Stephan Portmann und Ivo Kummer die dritte in dieser Funktion. «Viele Filme sind zwar persönliche Geschichten. Im Kern enthalten sie aber sehr wohl gesellschaftskritische oder gar globale Aussagen», sagt Rohrer. Sie freut sich vor allem darüber, dass es dieses Jahr besonders viele Débuts von Schweizer Filmschaffenden zu entdecken gibt. Für junge Talente und frische Stimmen in der helvetischen Filmszene soll Solothurn denn auch weiterhin die wichtigste Bühne sein.