Erst reden, dann schiessen

Mit «The Hateful Eight» hat Quentin Tarantino einen zynischen Schneewestern inszeniert. Doch seine unverschämte Handschrift ist im überlangen Kammerdrama ohne Schwung. Tarantino-Fans wird es wohl trotzdem Spass machen.

Andreas Stock
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Mitfahrer unerwünscht: Szene aus «The Hateful Eight» mit Kurt Russell (links) als «The Hangman» und Samuel L. Jackson als Major Warren. (Bild: pd)

Mitfahrer unerwünscht: Szene aus «The Hateful Eight» mit Kurt Russell (links) als «The Hangman» und Samuel L. Jackson als Major Warren. (Bild: pd)

Er pafft wartend ein Pfeifchen und sitzt auf drei Leichen. Dieser Marquis Warren (Samuel L. Jackson), einst Major im wenige Jahre zurückliegenden Bürgerkrieg, ist Kopfgeldjäger. Er stoppt mitten in der weiten, verlassenen Schneelandschaft einen Sechsspänner, in dessen Kutsche er mitfahren will. Darin sitzt Berufskollege John Ruth (Kurt Russell), der wenig begeistert ist davon. Er hat selbst Beute dabei, noch lebende. Denn er ist «The Hangman», einer der die gesuchten Verbrecher amtlich hinrichten lässt. Die an ihn gekettete Mörderin Daisy Domergue (Jennifer Jason-Leigh) ist viel wert. Doch als Ruth erkennt, wer der Afroamerikaner ist – jener Mann, der einen persönlichen Brief von Präsident Lincoln besitzt – darf er mitfahren. Unbewaffnet, versteht sich.

Keiner traut dem anderen

Wenig später bittet noch einer um Mitfahrgelegenheit und Rettung vor einem nahenden Schneesturm: Chris Mannix (Walton Goggins), der behauptet, der künftige Sheriff im Städtchen Red Rock zu sein; den gleichen Ort hat die übrige Reisegruppe als Ziel. Doch die Strecke ist beim aufziehenden Unwetter zu weit; man rettet sich in «Minnie's Haberdashery», zugleich Kutschenstation, Krämerladen und Bar. Dort treffen sie überraschend nicht auf die Besitzerin, sondern auf vier Fremde.

Gut eine Stunde dauert dieser erste Kutschenteil, der bereits etablierte, was nun um vier weitere Nasen erweitert wird: Jeder misstraut jedem, von keinem ist sicher, dass er seine wahre Identität preisgibt oder seine Geschichte stimmt. Wie so oft bei Quentin Tarantino geht es dabei weniger um die Erzählung an sich, sondern die Art und Weise des Erzählens. In ausführlichen Konversationen, die abschweifen und mäandern, tauschen die Protagonisten ihre Geschichten aus. Fast jeder plaudert gerne, meist durchaus unterhaltsam. Ausser der wortkarge Südstaaten-General a. D. (Bruce Dern) und Daisy. Wenn die Frau mit dem riesigen Veilchen auf dem Auge den Mund aufmacht, kommen knappe Gehässigkeiten heraus – was sie mit harten Schlägen quittiert bekommt.

Tarantino variiert sich selbst

Solche Kammerspiel-Situationen hat Tarantino bereits häufiger durchdekliniert, von seinem Erstling «Reservoir Dogs» bis zu «Inglourious Basterds». Im letzteren gehörten zwei lange Tischdialoge zu den stärksten Szenen. Wie dort schwelt in «The Hateful Eight» gleich eine Anspannung mit, die sich sukzessive auflädt, bevor sie in eruptiver Gewalt eskaliert. Doch diesmal treibt der Regisseur sein Spiel zu sehr auf die Spitze. Zumal klar ist, wie es enden wird. Auch die Variation seiner bekannten Methode, in einer Rückblende eine Situation aus anderer Perspektive nochmals zu beleuchten, verpufft hier, weil sie keine wirkliche Überraschung aus dem Hut zaubert. Dass der Regisseur urplötzlich noch als Erzähler aus dem Off auftritt, wäre auch nicht zwingend.

Simple Luftballon-Dramaturgie

Quentin Tarantino tritt diesmal inszenatorisch ziemlich auf der Stelle und wirkt allzu selbstverliebt in den nicht enden wollenden Mono- und Dialogen sowie seinen vielen Referenzen aufs eigene Werk. Zuschauer, die seinen Zynismus und die brutale Gewaltdarstellung ertragen sowie die Tatsache goutieren, dass hier die einzige zentrale Frauenfigur zum böswilligen Prügelsack verkommt, wird die simple Luftballon-Dramaturgie (es wird stetig hinein geblasen, bis die Blase platzt) wohl unterhalten können. Zumal es durchaus vergnüglich ist, Samuel L. Jackson zuzusehen: Er ist als durchtriebener Major der Zeremonienmeister in der Blockhütte.

Ein grosses Tamtam hat Tarantino um die Breitleinwandbilder im 70mm-Ultra-Panavision-Format gemacht, die aber nur in entsprechenden Kinos (die es in der Schweiz nicht gibt) abgespielt werden können. So widerspiegelt der bildgestalterische Entscheid gut die Problematik: Formal ist aber alles viel zu pompös und zu gross geraten für ein Kammerdrama.

Ab heute in den Kinos

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