Eros mit Zuckerguss

Alvis Hermanis, einer der begehrtesten Theaterregisseure Europas, brachte am Schauspielhaus Zürich das Skandalstück «Madame de Sade» auf die Bühne.

Brigitte Schmid-Gugler
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Das Ensemble als Geishas: Verhinderte Triebe beflügeln die Phantasie in europäischen und fernöstlichen Gesellschaften. (Bild: Tanja Dorendorf)

Das Ensemble als Geishas: Verhinderte Triebe beflügeln die Phantasie in europäischen und fernöstlichen Gesellschaften. (Bild: Tanja Dorendorf)

Brigitte Schmid-Gugler

brigitte.schmid

@tagblatt.ch

Zur nur ganz leisen Begleitmusik von Giacomo Puccinis «Coro a bocca chiusa» schweben die ­Damen durch die Flügeltüren. Ausladend ihre Rokokoroben. Wie von einem Zauberschlüsselchen in Bewegung gesetzt wirkt ihre Spieldosen-Grazilität. Die Zwerchfelle gespannt wie zitternde Schmetterlingsflügel kurz vor dem Zerplatzen des Kokons. Baronesse de Simiane (Susanne-Marie Wrage) und die Comtesse des Saint-Fond (Miriam Maertens) – die eine markiert die Heilige, die andere die Hure – sind geladene Gäste im Hause von Madame de Montreuil (Sunnyi Melles). Diese will ihre Tochter Renée (Friederike Wagner) vor den Abscheulichkeiten ihres Schwiegersohnes bewahren, wenn nötig mittels Intrigen. Renée hingegen hält an ihrem Ehemann fest – bis zum Zeitpunkt, als dieser ganz am Ende von der Zofe Charlotte (Kuan-Ling-Tsai) angemeldet wird. Da hat sich Renée – der hohe Kopfputz zum vertrockneten wirr-weissen Wölklein geschrumpelt – längst fürs Kloster entschieden.

Welt- und zeitumspannende Lust und Laster

Alles spielt sich zuerst im Kopf ab: Marquis de Sade bediente dieses Wissen mit seiner ganzen Obsession. Und er wurde damit weltberühmt. Sein Name steht für einen Begriff, dessen Ausprägungen ­allerdings nicht erst seit dem 18.AABB22Jahrhundert die Niedertracht des Menschen im Wort fasst: ­Sadismus, Mechanismen der Macht, genährt von einer pervertierten, oft sexualisierten Libido.Alles spielt sich auch in dieser Inszenierung zuerst im Kopf ab: Schon in den ersten Minuten lässt Alvis Hermanis aufeinanderprallen, was in den kommenden zweieinhalb Stunden verbal die Szene beherrschen wird: Tabu, Moral, Lust, Triebhaftigkeit, Qual. Im feudalen Salon der Madame de Montreuil sitzt der zum Sterben bereite Autor in höchster Konzentration neben seinem Kurzschwert, das er sich mit einem gezielten Stoss in den Bauch rammt. Seppuku nennt man den ritualisierten Selbstmord in Japan. Der homosexuelle japanische Schriftsteller Yukio Mishima nimmt sich 1970 im Alter von 45 Jahren gemeinsam mit einem Freund auf diese grausame Art das Leben. Fünf Jahre zuvor hatte er die Erzählung «Madame de Sade» geschrieben – fasziniert von den skandalträchtigen Schriften des Franzosen Marquis de Sade, der wegen sexueller und politischer Vergehen 27 Jahre im Gefängnis verbracht hatte. Er starb, anders, als Mishima ihn sich weiterschrieb, in der Heilanstalt Charenton, wo 1964 Peter Weiss sein Stück «Die Ermordung Jean Paul Marats unter der Anleitung des Herrn de Sade» zur Aufführung brachte.

Keine Bezüge zur aktuellen Kriegspolemik

Alles spielt sich in den Köpfen ab: Auf der Bühne wird der Tod behauptet – aus Mishimas Mund tropft das Blut in Form von roten Rosenblättern. Alvis Hermanis macht – man ist erleichtert – keine aktuellen kriegssadistischen Bezüge, sondern belässt das Stück ganz in diesem allerdings in der Endlosschlaufe kreisenden Spieldöschen einer weiss gepuderten Exaltiertheit. Auch dann, wenn die Bonbons zu Geishas mutieren. Er verlässt sich auf die Kunst der fantastischen Weiber. Sie sind zum Harakiri-Schreien gut.

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