Erinnerungen an ein Spanien zwischen Republik und Diktatur

«Die Nacht der Erinnerungen» von Antonio Muñoz Molina ist fast alles in einem: Eine politische Abrechnung mit den spanischen Faschisten, eine Mahnung an die Linke, ein Liebesroman und vor allem die Geschichte menschlichen

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Antonio Muñoz Molina (Bild: pd)

Antonio Muñoz Molina (Bild: pd)

Erinnerungen an ein Spanien zwischen Republik und Diktatur

«Die Nacht der Erinnerungen» von Antonio Muñoz Molina ist fast alles in einem: Eine politische Abrechnung mit den spanischen Faschisten, eine Mahnung an die Linke, ein Liebesroman und vor allem die Geschichte menschlichen Scheiterns.

Flucht aus dem Chaos

Doch der Reihe nach: Der Architekt Ignacio Abel lebt Mitte der Dreissigerjahre, am Vorabend des Bürgerkriegs, in geordneten Verhältnissen. Seine Ehe ist zwar ausgetrocknet, aber dank dem Wohlstand seiner Schwiegereltern kann er ein bequemes Leben geniessen. Doch er bezahlt einen Preis dafür. Denn der Linke Abel muss sich familiär mit Bannerträgern der Falange von General Franco arrangieren. Auch wenn er im Auftrag der Republik eine neue Universitätsstadt bei Madrid plant.

Nach und nach zieht der Schrecken des Bürgerkriegs ins Land. Als sich Abel in jenen Tagen in eine junge Amerikanerin verliebt, ist er mit einem lebensbedrohlichen Chaos konfrontiert, im Politischen wie im Persönlichen. Abel glaubt, dass die Liaison mit der Ausländerin für ihn die Chance für den Ausbruch bietet, aus seiner unglücklichen Ehe und aus dem bedrohlichen Spanien. Tatsächlich schafft es Abel einen Lehrauftrag für ein amerikanisches College zu ergattern. Doch der Preis für seine Flucht lastet schwer auf ihm.

Erinnerungen auf der Zugsreise

Antonio Muñoz Molina ist in Spanien ein hoch geachteter Romancier, der zahlreiche Preise erhalten hat. In diesem Buch beweist er sich als meisterhafter Erzähler, indem er zu einem raffinierten narrativen Trick greift, um die Geschichte vorwärts zu bringen. Er lässt die Geschehnisse als Erinnerungen von Abel auf einer Zugsreise von New York zum College des fiktiven Städtchens Rhineberg ablaufen.

Damit bringt sich der Autor Molina selbst ins Spiel, der regelmässig zwischen Spanien und den USA pendelt. Er spricht im Roman den Leser sogar direkt an, wenn er an Schlüsselstellen jeweils für wenige Sätze einen Ich-Erzähler einführt, der den Sachverhalt möglichst verständlich veranschaulichen will.

Molina hat eine umfassende historische Recherche unternommen. So schildert er Madrid zu Beginn des Bürgerkriegs anschaulich und genau: «Jedes Auto, jeder mit Fahnen und gereckten Fäusten und Gewehren gespickte Lastwagen, jede Gruppe von Menschen schien sich zielstrebig in eine Richtung zu bewegen, aber die Richtung eines jeden war ganz anders…» Hier spürt man das drohende Chaos in der Republik, die dem organisierten Angriff der Faschisten hilflos ausgeliefert ist.

Gleichermassen kritisch

Und Molina macht es sich politisch nicht einfach. Die Linke kommt fast so schlecht weg wie die Rechte. «Unsere hoch motivierten katalanischen Verbände setzen ihren siegreichen Vormarsch auf Aragon fort und stossen unaufhaltsam vor…», mokiert er sich über die republikanische Propaganda.

Ambivalente Hauptfigur

Immer wieder treten historische Figuren auf, allen voran Juan Negrin Lopez, der letzte Premierminister der Republik. Molina zeichnet seine fiktiven Protagonisten nicht schwarz-weiss. So erscheint die Hauptfigur Abel dem Leser ambivalent: Er ist zwar ein überzeugter Anti-Faschist, aber er erweist sich in eigenen vier Wänden als reaktionärer pater familias, der seine Frau schikaniert und den kleinen Sohn schlägt, dessen Nöte ans Herz gehen wie in dieser Tischszene: «Möglicherweise stiess er sein Wasserglas um, weil seine Hand zu unkontrolliert vorgezuckt war, oder er verschluckte sich und hustete, bis er rot anlief, oder machte ein Geräusch beim Trinken, das andern niemals unterlaufen würde…» Da spürt man, dass faschistoider Druck nicht zwingend manifest politisch sein muss.

Das alles tönt nach viel und ist sehr viel. Aber Molina hat die Kraft, Langeweile über die tausend Seiten zu vermeiden. Es lohnt sich, sorgfältig zu lesen, denn Molina versteht es meisterhaft, das Atmosphärische einer bedrohlichen Zeit einzufangen.

Rolf Hürzeler

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