Günter de Bruyns schreibt für sprachliebende Seelen

Er ist der Altmeister des feinen Stils: Günter de Bruyn wirft in «Der neunzigste Geburtstag» einen kritischen Blick auf die Zeitenläufte. Doch sein Unterfangen hat Tücken.

Valeria Heintges
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Günter de Bryn (92) und sein neustes Werk.

Günter de Bryn (92) und sein neustes Werk.

Günter de Bruyn hat schon viele Leben literarisch vermessen. Etwa die der Dichter Jean Paul, Theodor Fontane und Zacharias Werner oder das der Königin Luise von Preussen. Vor allem aber hat er sein eigenes Leben beschrieben, die Berliner Jugend zwischen Niedergang der Weimarer Republik, Nationalsozialismus und Beginn der DDR in «Zwischenbilanz». Und sein Leben in der DDR in «Vierzig Jahre. Ein Lebensbericht». Jetzt, mit 92, legt de Bruyn den Roman «Der neunzigste Geburtstag. Ein ländliches Idyll» vor, der zuweilen wie ein Teil dieser Autobiografie wirkt. Auch wenn es müssig ist, aufzudröseln, wie viel von de Bruyn in seine Figur Leonhard Leydenfrost geflossen ist.

Der Bruder liegt ihm näher

Besagten 90. Geburtstag wird nicht Leonhard, sondern dessen ältere Schwester Hedwig feiern. Doch erzählt der Autor nur theoretisch aus Sicht beider Geschwister; praktisch liegt ihm der Bruder näher. Während Hedwig eine politische Karriere als streitbare Linke im Westen erlebte, hat der Bruder wie sein Autor sein Leben als Bibliothekar in der DDR verbracht. Allerdings scheitert Leo als Verfasser von Kurzgeschichten – der Wikipedia-Eintrag seines Autors hingegen verzeichnet 43 eigene Werke, 15 als Herausgeber (vor allem in der Reihe «Märkischer Dichtergarten») und 25 renommierte Preise. Darunter 1989 den Nationalpreis der DDR, den de Bruyn ablehnte, und 2002 den Deutschen Nationalpreis, den er annahm.

Teilweise blasse Figuren

Von seinem «ländlichen Idyll» in Brandenburg aus beobachtet Leo skeptisch und verdrossen die Welt. Um Hedwig auch im hohen Alter sinnvoll zu beschenken, beschliesst die Familie, im Dorf ein Heim für Flüchtlingskinder zu errichten. Das Unterfangen hat Tücken, man ahnt es bald. Zumal Leos Tochter ihren Freund ins Boot holt, der nach einer Karriere bei der Staatssicherheit als Flüchtlingskoordinator arbeitet. Der Lebenslauf von Leos Sohn Rainer sieht ähnlich aus, aber seine Dienste hat er übergangslos dem «anderen» Geheimdienst zur Verfügung gestellt.

Allerdings ist «Der neunzigste Geburtstag» inhaltlich an einigen Stellen plump geraten. So wird er den Anhängern der Idee, Flüchtlingen Asyl zu bieten, nur wenig gerecht, wenn er sie durchweg als naiv darstellt und sich permanent über das Wort «Willkommenskultur» mokiert. Das seitenweise Wüten gegen gendergerechte Sprache wird lächerlich, wenn Leo das antiquierte «Fräulein» zu verteidigen sucht. Auch Hedwigs Lebensweg bleibt de Bruyn fremd, die Figur daher blass. Ebenso gerät Leos Tochter unglaubwürdig-einseitig, der Computerleidenschaft ihres Sohnes ergeht es nicht besser.

Selbstironisch, mit feinem, genauem Stil

Doch ist Günter de Bruyn über alle Werke hinweg seinem feinen, genauen, leicht distanziert-ironischen Stil treu geblieben. Das Resultat kann immer wieder als «Erholung für die sprachliebende Seele» empfohlen werden. So entstehen Miniaturen, in denen er mit wenigen Strichen seinen Leo, die märkische Landschaft und ihren Wandel oder die Eigenheiten der Dorfbewohner zeichnet.

Zudem streut de Bruyn seine Selbstironie so gekonnt darüber, dass man dennoch willig Seite um Seite blättert. Wissend, dass diese von Erfahrung und Dezenz gezeichnete Stimme schon bald schmerzlich fehlen wird.