Schweizer Pop

Erfolg ist keine Schande

Vor 20 Jahren wurde die Musikproduktionsfirma Hitmill gegründet. Die Hitfabrik von Roman Camenzind hat die Schweizer Musikszene geprägt und verändert.

Stefan Künzli
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Musikproduzent, Hitschreiber und Geschäftsmann: Roman Camenzind (41) in seinem Hitmill-Studio in Zürich. Adrian Bretscher/SI/RDB

Musikproduzent, Hitschreiber und Geschäftsmann: Roman Camenzind (41) in seinem Hitmill-Studio in Zürich. Adrian Bretscher/SI/RDB

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Was haben Musiker und Musikkritiker doch die Nase gerümpft: «Songs aus der Fabrik», «Hits vom Fliessband», «auf dem Reissbrett entworfen», «seelenlos» und «kalt kalkuliert» für den «Erfolg um jeden Preis», schimpften sie über Hitmill und den Hitproduzenten Roman Camenzind.
Vor allem Bligg stand im Visier. Jahrelang tingelte der Schweizer Rapper durch die Lande und konnte sich knapp über Wasser halten. Der grosse Erfolg stellte sich erst ein, als er volksmusikalische Elemente in seine Musik integrierte und ins Popfach wechselte. Es war die Idee von Mastermind Roman Camenzind. «Verrat!», schrie die hiesige Hip-Hop-Szene und warf ihm vor, seine Seele an den Kommerz-Teufel verkauft zu haben. Die Hip-Hop-Gemeinde hat ihm bis heute nicht verziehen.
«Bligg hat sich nicht verkauft», entgegnet Camenzind im Buch zum 20. Geburtstag der Hitfabrik, «Im Gegenteil: Er ist echter geworden. Und damit auch kommerziell erfolgreich». Das ist das Hitmill-Credo: Es geht darum, die «Facetten und Geschichten eines Künstlers herauszuschälen und daraus Musik zu machen». Camenzind ist überzeugt, dass Authentizität und Erfolg Hand in Hand gehen. Nur wer echt und glaubwürdig ist, kann Erfolg haben. Dabei nennt er das Beispiel Adrian Stern: Vor seiner Zeit bei Hitmill spielte er elektrische, verzerrte Gitarre. «Doch Stern ist eben nicht der wilde Rocker, er ist ein Träumer, ein romantischer Typ», sagt Camenzind. Er ersetzte die elektrische durch die akustische Gitarre. Wenige Wochen später präsentierte er «Amerika» und mit dem Song schaffte er den grossen Durchbruch.

Mundart-Profis kamen aus Bern
Egal, wie man zu Hitmill und seinen Erfolgsrezepten steht. Camenzind & Co. haben die Schweizer Popmusik verändert. Pop und Rock in der Schweiz waren lange eine Sache von Hobby- und Feierabend-Musikern. Polo Hofer war der Erste, der ein Geschäftsmodell entwickelte. Aber nur für sich. Weitere Ausnahmen waren Peter, Sue und Marc in den 70er-Jahren, Krokus und Yello in den 80ern, Stephan Eicher, DJ Bobo, Gotthard in den frühen 90ern. Sie konnten von der Musik leben, weil sie auch im Ausland erfolgreich waren. Die wenigen Mundart-Profis kamen aus Bern, allenfalls dem Wallis: Polo, Züri West, Patent Ochsner, Gölä und Sina.
Das änderte sich erst im neuen Jahrtausend. Hitmill gab einen wichtigen Anstoss für eine Professionalisierung. Schweizer Pop wurde nicht besser, schon gar nicht origineller, aber sicher erfolgreicher. Subzonic, die Zürcher Band, in der Camenzind noch Bass spielte, war dafür das beste Beispiel. Die Musiker waren nicht besonders talentiert, aber Camenzind wusste schon damals, wie man beim Publikum ankommt. Er trimmte die Band auf Hooks, auf besonders eingängige Melodiephrasen, Textzeilen oder Beats mit hohem Wiedererkennungswert.

Zum Erfolg motiviert
Nach der Auflösung von Subzonic konzentrierte sich Müllermeister Camenzind auf seine Produzententätigkeit und nahm Baschi unter seine Fittiche. Es folgten Bligg, Stress, Pegasus, Lovebugs, Adrian Stern, Dada ante portas, Florian Ast, Francine Jordi, Anna Rossinelli, Tinkabelle, Nicole Bernegger, Eliane, Schwiizergoofe, Heimweh, Kunz, und, und, und. Der Erfolg dieser Bands und Musiker motivierte andere. Hitmill bewies, dass es doch möglich ist, im kleinen Markt Schweiz von Popmusik zu leben. Es gibt also doch ein funktionierendes Geschäftsmodell. Schweizer Pop boomte und der Höhepunkt wurde 2012 erreicht: 128 Schweizer Musiker konnten sich in der Schweizer Hitparade platzieren und der Anteil von Schweizer Musik in den Charts betrug stolze 18,5 Prozent.
Hitmill markierte einen Kultur- und Mentalitätswandel. Schweizer Musiker, von denen sich die meisten in alternativen Kreisen bewegten, mieden lange den Faktor «Erfolg» und machten einen weiten Bogen um Kommerz. Das war des Teufels. Ja nicht verdrehen, nur keine Konzessionen machen! Die Musiker wollten sich nicht dem Verdacht aussetzen, dass sie ihre Kunst veränderten, um Erfolg zu erzielen. Camenzind sieht darin eine typische Schweizer Eigenschaft.«Den Ball flachhalten. Das ist der eigentliche Schweizer Nationalsport. Darin sind wir Weltmeister», sagt er. Hitmill dagegen wollte und will den Erfolg und trimmte seine Produktionen deshalb auf unbedingte Radiotauglichkeit. «Wenn du als Musiker keinen kommerziellen Erfolg hast, dann fällt das Ganze irgendwann auseinander», ist Camenzind überzeugt. Seine Botschaft: Erfolg ist keine Schande.
Im Zürcher Studio wurde zudem die Geschichte des Mundart-Pop fortgeschrieben. Hitmill hat in Erinnerung gerufen, dass es auch Hits in Zürcher oder Badener Dialekt geben kann. Die Vorherrschaft der Berner konnte die Zürcher Hitfabrik zwar nicht brechen, aber zumindest angreifen.
Überhaupt: Mundart hat bei Hitmill Vorrang. «Nur wer Mundart singt, kann sich relevant ausdrücken», ist Camenzind überzeugt, «Nur Mundart kann zu Schweizer Kulturgut werden. Ich wünschte mir, wir hätten mehr interessante Mundartbands». Da mag etwas dran sein. Doch die Situation im kleinen Deutschschweizer Markt ist seit dem Einbruch des Tonträgermarkts wieder schwieriger geworden. Viele müssen um ihre Existenzgrundlage fürchten. Wer als Mundart-Popmusiker allein von der Musik leben kann, wird wieder zur Ausnahme.

Rainer Kuhn: Hitmill. Ein Blick hinter die Kulissen der Schweizer Hitfabrik.