Ererbte Feindseligkeit und verinnerlichtes Misstrauen – Neues Buch beschreibt das Leben in Belfast nach dem Bürgerkrieg

Für ihr Buch «Milkman» hat die nordirische Autorin Anna Burns 2018 nicht nur den begehrten Booker Prize erhalten. Sie gilt seit Jahren als eine der besten Preisträgerinnen. Endlich gibt es den grandiosen Roman auf Deutsch.

Bernadette Conrad
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Anna Burns: «Was ich erzähle, gilt vermutlich nicht nur für das damalige Belfast.»

Anna Burns: «Was ich erzähle, gilt vermutlich nicht nur für das damalige Belfast.»

Bild: Eyevine/Laif

Belfast, Ende der 1970er-Jahre: «Mittelschwester» ist 18, liest gern im Gehen, und zwar nur Romane des 19. Jahrhunderts. Dass Älteste Schwester – die «brave Hausfrau» – längst nicht mehr im Elternhaus, sondern mit ihrer eigenen Familie lebt, hält sie nicht davon ab, die jüngere selbstgerecht vor dem Umgang mit «Milchmann» zu warnen. Auch zu Schwester Zwei – depressiv, seit ihre wahre Liebe erschossen wurde – und Schwester Drei, die unentwegt mit ihren Freundinnen auf Sauf- und Vergnügungstour unterwegs ist, hat Mittelschwester wenig innere Verbindung.

Anders sieht es aus mit «Kleine Schwestern», sieben-, acht- und neunjährig, die, ungeheuer temperamentvoll, begabt und wissbegierig, Leben in die Bude bringen und öfter von ihrer grossen Schwester ein ungesundes Abendessen mit Pommes, Lakritzkonfekt, Eis und Kaubonbons zubereitet haben wollen. Ältester Bruder ist verschollen, sprich: ausgewandert, Zweiter Bruder erschossen.

Bruder Drei wird sich im Lauf des Romans aus seiner falschen Ehe heraus und auf seine wahre Liebe, eine einst strahlende, inzwischen höchst versehrte junge Frau, zubewegen – was in jener Welt, von der die nur als «Mittelschwester» bezeichnete Ich-Erzählerin berichtet, gefährlich ist. Denn «hier war alles in einer langen melancholischen Geschichte versunken, und zwar so tief, dass die wirklich strahlenden Menschen, die in diese Dunkelheit traten, das Risiko eingingen, sie nicht zu überdauern...».

Sie sterben, weil sie auf der ­falschen Seite stehen

Unentwegt sterben junge Leute, vor allem die jungen Männer, in manchen der vielköpfigen Familien ist kein Kind mehr übrig. Sie sterben, weil sie auf der jeweils falschen Seite stehen, weil der Todfeind oft auf der anderen Strassenseite wohnt, weil dies im Nordirland der 1970er- und 80er-­Jahre eine unentrinnbare Gesetzmässigkeit zu sein scheint.

Wenn «eine ganze Gemeinschaft, nach Jahren des persönlichen und gemeinschaftlichen Leidens, persönlicher und gemeinschaftlicher Geschichte an Schwere, Trauer, Angst und Wut im Überfluss gewöhnt war – tja, solche Leute konnten sich nicht einfach so mir nichts, dir nichts irgendeinem dahergelaufenen hell strahlenden Goldstück gegenüber öffnen, das in ihr Umfeld trat und sie anleuchtete. Dieses Umfeld leistete Widerstand, unterstützte den Pessimismus der Leute, und genau das geschah an meinem Heimatort, wo immer alles im Dunkeln zu liegen schien... Das alles schien normal, was wiederum bedeutete, dass Normalität bei uns unter anderem ein dauerhaftes Nicht-sehen-Können war, über das nicht gesprochen wurde.»

Anna Burns:MilchmannRoman, aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll450 SeitenVerlag Tropen 2020

Anna Burns:
Milchmann
Roman, aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll
450 Seiten
Verlag Tropen 2020

Bild: zvg

Anna Burns, 58, wuchs als Kind einer vielköpfigen katholischen Arbeiterfamilie im bürgerkriegsgeschüttelten Belfast auf. Die 18-jährige Heldin ihres Buches weiss genau, warum sie – zum Ärger ihrer Mutter – nicht unbedingt heiraten will, denn

«wo sind die meisten dieser ach so tiefsinnigen entschlossenen, unbeugsamen Ehemänner? Allesamt unter der Erde, bei den anderen Freiheitskämpfern, am üb­lichen Treffpunkt.»

Stilistisch brillant – und kongenial übersetzt von Anna-Nina Kroll – gelingt es Burns, die Unausweichlichkeit des Lebens in ererbter Feindseligkeit und verinnerlichtem Misstrauen in einer Art gigantischem inneren Monolog zu erzählen. Nur scheinbar lakonisch, nur in der obersten Schicht voll mit grimmigem Humor, kommt die verzweiflungsvolle Geschichte ihres Verfolgtwerdens durch einen «unechten» Milchmann, selbst militanter Strassenkämpfer, daher. Er taucht an den unwahrscheinlichsten Orten auf und zwingt sie in eine verschwörerische, von Drohungen unterfütterte Nähe.

Wahrhaft hoffnungslos wird «Mittelschwesters» Lage aber erst durch den Umstand, dass auch innerhalb der Familien selbst keineswegs ein Lebensgefühl von Schutz und Solidarität besteht. Anna Burns’ Roman erzählt vielmehr davon, wie das Leben im «chronifizierten» Kampfmodus den Einzelnen zerbröselt und zerrüttet; wie Wahnsinn und absurde Feindseligkeit auch die Familienmitglieder untereinander entfremden, kurz: Mittelschwester hat buchstäblich niemanden, dem sie sich anvertrauen könnte, und als sie es tut, wird ihr auch von der eigenen Mutter nicht geglaubt.

«Was ich erzähle, gilt vermutlich nicht nur für das damalige Belfast, sondern für jede totalitäre, in sich geschlossene, unter extremen Unterdrückungsverhältnissen lebende Gesellschaft»

, sagte Anna Burns in einem Interview. Es ist atemberaubend, wie sie über die Ausgesetztheit eines jungen Mädchens eine psychisch zutiefst vergiftete politisch-gesellschaftliche Realität zu porträtieren versteht.

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