Erektile und andere Dysfunktionen

Der Mittwoch ist mein Lieblingstag. Ich kann es kaum erwarten, jene Zeitung aus dem Briefkasten zu fischen, die mir spannende Lektüre beschert.

Dieter Langhart
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Rubrik "sage und schreibe" für focus (Bild: Photographer: Angela Kausche (22228734))

Rubrik "sage und schreibe" für focus (Bild: Photographer: Angela Kausche (22228734))

Der Mittwoch ist mein Lieblingstag. Ich kann es kaum erwarten, jene Zeitung aus dem Briefkasten zu fischen, die mir spannende Lektüre beschert. Die «Thurgauer Nachrichten» finden stets den Weg zu mir trotz «Keine Werbung»-Kleber, denn zwischen all den Inseraten und Partybildern verstecken sich auch richtige Texte. Ich lese sie stets zum Essen und lass sie mir munden. Genüsslich erfahre ich Mittwoch für Mittwoch, was wichtig ist im Thurgau.

Aber mehr noch geniesse ich die Sprache in den Texten. Was kümmert's mich, wenn hier Kommata fehlen und da der Nominativ den Akkusativ verdrängt – Kleinigkeiten. Beispiele von gestern? «Sind Sie Gesund?» steht über der Strassenumfrage. Immerhin, die vier Befragten sagen «gesund», nicht «Gesund». Zum Schwerpunktthema Depression ein Gespräch mit einem Betroffenen: «A. F. leidet seit 15 Jahren immer wieder an schwersten chronischen Depressionen.» Was nun – immer wieder akut oder chronisch? «Dann fällt er vor zehn Jahren zum ersten Mal tief in ein Loch.» Zum Glück nicht in ein flaches Loch.

Aber am liebsten mag ich die Ratgeber-Seite. Doktor Eros rät: «Nein, lieber Kurt, stramme, markige Worte beheben dich des Problems der erektilen Disfunktion resektive [sic] der erektiven Impotenz (Medizinischer Fachausdruck. Die Red.), deren Opfer du offenbar geworden bist, leider nicht.» Wird da der Leser Opfer einer Dysfunktion?

Und zum Dessert dann die Kolumne auf der letzten Seite: «Was macht der Standort Thurgau so attraktiv für Unternehmen?» Was hätte den Akkusativ hier auch zu suchen!