«Er war klug, aber weise war er nicht»

Der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg über seine Begegnung mit Günter Grass, die SS-Mitgliedschaft des am vergangenen Montag verstorbenen Literatur-Nobelpreisträgers – und weshalb dessen Warnung vor einem Dritten Weltkrieg ernst zu nehmen ist.

Christoph Reichmuth
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«Politisch gehören wir wohl zur selben Familie, aber sonst sind wir ungleiche Brüder – auch literarisch»: Adolf Muschg (r.) über den verstorbenen Günter Grass. (Bild: epa/Rolf Haid)

«Politisch gehören wir wohl zur selben Familie, aber sonst sind wir ungleiche Brüder – auch literarisch»: Adolf Muschg (r.) über den verstorbenen Günter Grass. (Bild: epa/Rolf Haid)

Herr Muschg, erzählen Sie uns doch von Ihrer ersten Begegnung mit Günter Grass.

Adolf Muschg: Das war im Haus von Max Frisch im Onsernone-Tal um 1970. Frisch war mit Grass seit ihrer Berliner Zeit befreundet und stellte mich ihm vor, und ich war gebührend beeindruckt. Ich hatte mir den Autor der «Blechtrommel» unbändig vorgestellt, aber er wirkte zurückhaltend, nachdenklich und sehr zivilisiert, ein Gentleman.

Waren Sie fasziniert von diesem Mann?

Muschg: Faszinierter als von seiner «Blechtrommel» konnte ich von seiner Person gar nicht sein. Ich lernte ihn später immer mehr als Handwerker kennen, aber auch als Koch – im Umgang mit sinnlichem Material wirkte er am stärksten. Seine Gegenwart hatte etwas angenehm Nüchternes, ohne dass man sich ernüchtert fühlte. Genossen waren wir zuerst als Pfeifenraucher – auch Frisch gehörte ja zu dieser aussterbenden Art.

Wir gehen davon aus, dass – wenn Frisch, Muschg und Grass an einem Tisch sitzen – das Gespräch sehr politisch war.

Muschg: Ich erinnere mich beim besten Willen nicht mehr an den Inhalt unserer ersten Unterhaltung – geblieben ist ihre Aura. Sie gab einem das Gefühl: Wir sind unter Weggefährten, selbstkritisch, auch wenn es um das eigene Land ging. Als Deutscher wirkte er unaufdringlich und war auch dank seiner Ehe mit Anna Schwarz ziemlich eingeschweizert. Er war über unsere Bräuche im Bilde.

Grass galt als Mahner und wichtiger Redner. Max Frisch erkannte bei ihm allerdings einen «Hang zur Publizität». Beobachteten Sie Günter Grass' Einmischung in die Aktualität ebenfalls mit Argwohn?

Muschg: Natürlich verlautbarte Grass mit Gusto, aber im persönlichen Kontakt wirkte er nicht schulmeisterlich. In der jungen Bundesrepublik ärgerte man sich oft über ihn, aber man hat ihn gehört. Unversöhnliche Fronten bildeten sich erst nach 68, und mit seiner Sprache gehörte er nicht dazu. Manchmal sprach er in heiligem Ernst, aber als Sektierer habe ich ihn nie erlebt.

Hätte Grass mit der «Blechtrommel» auch Erfolg gehabt, wenn das Buch 20 Jahre später auf den Markt gekommen wäre?

Muschg: Ein Buch, das Erfolg hat, muss mit dem Geist der Zeit zusammentreffen, zum Echo gehört immer auch ein bestimmter Raum. Auch Goethe hat nur einen Werther geschrieben – und danach zwar bessere Bücher, aber nicht mehr so wirkungsvolle. Walter Benjamin, der Philosoph und Literaturkritiker, sagte einmal, wenn sich der Wahrheitsgehalt eines Werks von seinem Sachgehalt getrennt habe, entscheide er über seine Unsterblichkeit. Weniger gross gesprochen: Die Zeiten des Blechtrommlers Oskar mögen vorüber und vergessen sein – er behält eine faszinierende Gegenwart, weil neue und andere Leser etwas Eigenes in ihm erkennen.

Dennoch wurde Grass nach seinem Tod von Feuilletons vor allem als politischer Denker denn als bedeutender Schriftsteller gefeiert. Zu Unrecht?

Muschg: In der Politik riskiert man immer, richtiggestellt oder ins Unrecht versetzt zu werden. Das ist ihm oft passiert. Grosse Literatur geht anders. Dass sich Grass immer wieder politisch geäussert hat, macht nur den grössten Lärm; er wird schon in 10 oder 20 Jahren verklungen sein, während man – wie ich glaube und hoffe – beispielsweise die Sprache seiner Gedichte zum ersten Mal richtig hören kann. Als politischer Mensch kann und muss man irren. Beim Künstler ist der Irrtum im Spielraum des Werks eingeschlossen.

2006 geriet Grass in die Kritik, weil er offenbarte, in den letzten Kriegsmonaten Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein. Waren Sie erstaunt über dieses Bekenntnis?

Muschg: Ich war viel mehr erstaunt über den Aufschrei, den dieses Geständnis ausgelöst hat. Für mich hatte er seit der «Blechtrommel» unaufhörlich gestanden, Teil der deutschen Geschichte gewesen zu sein – gerade auch ihres schrecklichsten und peinlichsten Kapitels. Damit unterscheidet er sich von denen, die es nicht gewesen sein wollen – oder sich umgekehrt in einen nicht weniger unappetitlichen Schuldstolz flüchten. Thomas Mann hat einmal gesagt, unter Hitler habe sich das Beste der Deutschen in ihr Schlimmstes verkehrt. Danach hat Grass als Künstler gehandelt. Er ist Teil einer deutschen Geschichte geblieben, an der die Deutschen lieber keinen Anteil hätten. Aber es bleibt leider wahr, dass die grosse Mehrzahl der Deutschen diesen Führer geliebt hat. In diesem Trauerspiel ist es doch nur eine Fussnote, dass Grass mit 17 Jahren einmal in einer SS-Uniform gesteckt hat. Dass daraus eine Haupt- und Staatsaktion wurde, ist ein klassischer Fall von «haltet den Dieb». Wer Grass nicht gelesen hat, wollte jetzt sein Geständnis vermisst haben.

Gilt das als Entschuldigung für eine SS-Mitgliedschaft? Es gab auch Beispiele des Widerstandes, Stichwort «Weisse Rose».

Muschg: Ich habe als Zolliker Pfadfinder noch 1947 «Harus, harus in eine neue Zeit» lauthals mitgesungen, und wenn man mir gesagt hätte, dass ich den Kampfruf unserer «nationalen Front» in den Mund nehme, hätte mir auch das – fürchte ich – die Stimmung am Lagerfeuer nicht verdorben. Hauptsache: männlich; ich gehörte dazu. Auch Hans Scholl war zuerst ein flotter Hitlerjunge. Wer, wenn er nicht Jude oder Kommunist war, hätte sich damals der tollen Sache nicht freudig angeschlossen? Wer sich von solchen Sünden frei weiss, werfe den ersten Stein. Und ich erlaube mir, ihn dann immer noch eher für einen Phantasie- und Ahnungslosen zu halten als für einen guten Menschen.

Kritisiert wurde er weniger für die Mitgliedschaft in der SS an und für sich, vielmehr für den späten Zeitpunkt seiner Offenbarung. Zumal es Grass zuvor nicht unterlassen hatte, BDR-Politiker dazu aufzufordern, ihre NS-Vergangenheit offen zu legen.

Muschg: Ja, er hat ausgeteilt, das war nicht klug, und nicht korrekt, glücklicherweise. Aber das war er – so kühn, auch bei andern vorauszusetzen, sie behielten die gebrechliche Grundlage im Auge, mit der die Bürgergesellschaft leben muss, die deutsche mehr als jede andere. Auch politische Karrieren sind darauf gebaut, seine eigene inbegriffen.

Grass reagierte verletzt, warf der Presse vor, sie reite eine Kampagne gegen ihn. Wie haben Sie ihn in dieser Zeit selbst erlebt?

Muschg: Verletzt, empört, auch ungeschickt – er hatte keinen PR-Berater, und hätte auch nicht auf ihn gehört. Einem Opportunisten wäre das nicht passiert, und Grass ist davon auch nicht weise geworden. Aber wenn man des Hintergrunds einer Freundschaft sicher ist, kann ihr eine Unklugheit nichts anhaben. Zu diesem Hintergrund gehört bei mir die Episode an einer Literaturveranstaltung: Neben dem arrivierten Grass durften auch vier jüngere Autoren auftreten, und ich war einer von ihnen. Danach erkundigte er sich nach unserem Honorar. Es zeigte sich, dass er das Vierfache bekommen hatte. Da protestierte er beim Veranstalter und ruhte nicht, bis alle gleich behandelt worden waren. Natürlich kann man in diesem Protest auf eigene Kosten immer noch eine Abart von Eitelkeit wittern. Aber als mir mit meinem Büchlein «Wenn Auschwitz in der Schweiz liegt» etwas Ähnliches passierte, rief er an und fragte, ob ich seine Hilfe brauche. Das haben nicht viele Schweizer Kollegen getan.

Schwingt da Enttäuschung mit?

Muschg: Nein. Wir in der Schweiz haben eben eine andere Art, mit Konflikten umzugehen – am liebsten versteckt man sie und baut die Fronten in aller Stille auf. Sie zeigen sich dann nicht im Wort, das man scheut, sondern im Verhalten. In diesem Punkt ist Grass unschweizerisch: Wenn er anstösst, setzt er noch einen drauf. Er versteht die Dinge auf den Punkt zu bringen, sprachmächtig und klug, aber weise ist er immer noch nicht geworden.

So wie etwa 2012, als er in einem Gedicht Israel scharf attackierte?

Muschg: Manchmal könnte die Politik von der Literatur lernen. Auch als Deutscher muss man sich zu Israel nicht den Mund verbieten lassen. Und es gibt für Deutsche kein grösseres Tabu als Israel.

Warum haben Sie Grass danach so in Schutz genommen?

Muschg: Mein verstorbener Freund Yehuda Elkanaa meinte, nach dem Holocaust sei es das grösste Verhängnis Israels gewesen, dass es ihn zur Grundlage seiner Identität gemacht habe. Sie wurde mit dem Eichmann-Prozess besiegelt und jeder Diskurs über Israel und die Juden darauf eingeschworen. Er sei mit einem bestimmten Sprech- und Denkverbot verbunden, das den Diskurs über Israel – vor allem bei den schuldigen Deutschen – unfrei, sogar unehrlich mache, bei bestem Willen zum Gegenteil. Mit dem Holocaust schneide eine Trennlinie zwischen gut und böse vernünftige Handlungsmöglichkeiten ab – auch für Israel. Das sagte mir ein Jude. Gibt es für andere ein Verbot, es nachzusprechen? Vielleicht, auch wenn sie beim besten Willen nicht danach handeln können. Aber darf es ein Deutscher nicht einmal denken?

In seinem letzten Interview warnte Günter Grass vor dem Dritten Weltkrieg. Wollte er übertreiben, um wachzurütteln?

Muschg: Wenn wir wach sein wollten, wären wir es längst. Der neue Weltkrieg hat an vielen Stellen des Planeten begonnen und wird so lange andauern, wie seine Vorteile für eine immer kleinere Zahl von Begünstigten überwiegen. Wie heiss dieser Krieg über die bereits bekannten Brandherde hinaus noch werden kann, wissen wir nicht, solange fast jeder ganz sicher ist, ihn nicht zu wollen, also auch keiner daran schuld sein will. Wir befinden uns in einer ähnlichen Situation wie vor dem Ersten Weltkrieg oder bei jeder Wirtschaftskrise. Niemand kann sagen, wie es gekommen ist, man ist eben hineingeschlittert. Aber wenn es da ist, bemerkt man es. Nur, dann ist es zu spät.

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