Er schrieb erfolgreich pädophile Bücher – jetzt wird Gabriel Matzneff wegen Kindsmissbrauch angeklagt

Jahrzehntelang schrieb der französische Schriftsteller Gabriel Matzneff pädophile Bücher. Jahrzehntelang feierte ihn die Pariser Literaturszene dafür. Jetzt klagt ihn ein Opfer an.

Stefan Brändle aus Paris
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Gabriel Matzneff, anerkannte Figur der französischen Gegenwartsliteratur, wird zum Fall für die Justiz.

Gabriel Matzneff, anerkannte Figur der französischen Gegenwartsliteratur, wird zum Fall für die Justiz.

Bild: Getty Images

Auf Amazon ist das Buch als Occasionsexemplar für 350 Euro erhältlich. Es muss etwas für Liebhaber sein. Liebhaber von Minderjährigen, um genau zu sein. «Les moins de 16 ans», «Unter 16», ist nur eines von mehreren Büchern, in dem Gabriel Matzneff seine sexuellen Vorlieben offen schildert. «Wenn Sie einen Jungen von 13 Jahren oder ein Mädchen von 15 Jahren in den Armen gehalten, geküsst, liebkost, besessen haben, kommt ihnen alles andere fad, schwer, langweilig vor», liest man und wünscht sich, es nie gelesen zu haben.

Vanessa Springora war 14, als sie in Matzneffs Fänge kam, seine «Geliebte» wurde. Die Depressionen und Alpträume kamen später. Jetzt hat die Leiterin des Verlages Jul­liard zur Feder gegriffen und einen Bericht über die psychischen Folgeschäden pädophilen Missbrauchs verfasst. «Matzneff war kein guter Mensch», schreibt Springora in der Vergangenheitsform, obwohl der Autor in einer – von einem Politikerfreund zur Verfügung gestellten – Pariser Sozialwohnung lebt.

«Er war das, wovor wir Kinder uns ­fürchten sollten: ein Oger, ein Menschen­fresser.»

Buch zerreisst den Schleier über der Pariser Literaturszene

Springoras Buch «Le consentement» («Einwilligung») ist an Neujahr erschienen und bereits ein Bestseller. Es zerreisst den Schleier, den die Pariser Literaturszene seit den Achtzigerjahren über einen der Ihren gehalten hatte.

«Warum hat man über all die Jahre nichts gesagt?»

, fragt die heute 47-jährige Autorin. Matzneff sei doch zu seiner Neigung für Minderjährige und seinen Sexreisen nach Asien gestanden.

Springoras «Warum?» hallt wie ein Schrei durch Paris. Die Erklärung für die «kollektive Blindheit», wie sie die Verlegerin nennt, ist wohl doppelt. Sie beruht auf einer sonderbaren, paradoxalen und sehr französischen Mixtur aus uralten höfischen Sitten und dem Geist vom Mai 68. Wie einst am Königshof von Versailles durften die Pariser Eliten bis zu den #MeToo-Zeiten so ziemlich alles, was Gott dem einfachen Bürger verboten hat. In den Achtzigerjahren galt das etwa für Seitenspringer wie François Mitterrand, dessen Hof um seine uneheliche Tochter Mazarine wusste, ohne dass ein Wort in die Pariser Medien gedrungen wäre.

Ideologisch bestätigt sah sich die selbstgefällige sexuelle Aristokratie 1968 durch das philosophische Gebot, es sei «verboten zu verbieten». Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir oder Roland Bar­thes unterzeichneten eine Petition für drei angeklagte Pädophile; Daniel Cohn-Bendit erklärte, er lasse sich von Kindern den Hosenlatz öffnen. In der Zeitung «Libération» erschienen Kleinanzeigen zum «Kinderschmusen»; und das Renommierblatt «Le Monde» offerierte Matzneff, gedeckt von der Literaturpäpstin Josyane Savigneau, sogar eine monatliche Chronik von 1977 bis 1982.

«Le Monde»-Kritiker lobten den «ungezogenen Herrn» Matzneff als «mutig». Als der pädophile Autor 1990 in die TV-Literatursendung «Apostrophes» eingeladen wurde, amüsierten sich die anwesenden Autoren wie auch Sendeleiter Bernard Pivot über die beschriebenen Szenen mit «Schulmädchen». Nur die kanadische Schriftstellerin Denise Bombardier, die nicht mit den freien Sitten des Pariser Literaturbetriebs aufgewachsen war, hielt sich darüber auf. Regisseur Claude Lanzmann fand darauf, Matzneff hätte sie während der Sendung ohrfeigen sollen.

Der russischstämmige Autor erhielt noch 2013 den Literaturpreis Renaudot. Dann änderten sich die Dinge auch in Paris. «Libé»-Chefredaktor Laurent Joffrin räumt heute mit einer gewissen Beschönigung ein, sein Blatt habe «eine gewisse Zeit gebraucht», um pädophile Schriften zu verurteilen. Ex-Minister Bernard Kouchner sagt, die von ihm mitunterzeichnete Pro-Pädophilen-Petition von 1977 sei rückblickend «schwer zu erklären»: «Die Ideologien überschwemmten uns.»

Matzneff im Visier der Staatsanwaltschaft

Der Verlag Gallimard, einer der angesehensten im französischen Sprachraumaum, hat den Verkauf des Matzneff-Œuvres eingestellt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, nachdem sie Springoras Werk «analysiert» habe. Matzneffs Tagebücher – deren Inhalt vom französischen Strafrecht schon vor dreissig Jahren verboten war – hatte sie offenbar nie gelesen.

Noch hat der Autor Fürsprecher. So twitterte Savigneau, die heute nicht mehr bei «Le Monde» tätig ist:

«Ich ändere meine Meinung zu Matzneff nicht, nur weil die Hexenjagd begonnen hat.»

­Damit meinte sie wohl den den Paradigmenwechsel der #MeToo-Debatte. Am Dienstag wurde in Paris auch der Filmregisseur Christophe Ruggia (55) verhaftet, nachdem ihn die Schauspielerin Adèle Haenel sexueller Übergriffe gegen sie bezichtigt hatte – als sie zwischen 12 und 15 Jahre alt war.

Unbehelligt und weiter verteidigt bleibt in Frankreich der Regisseur Roman Polanski (86). Die frühere Schauspielerin Valentine Monnier behauptete im November detailliert, sie sei von ihm mit 18 vergewaltigt worden. Frankreich hatte erst vor zwei Jahren ein Schutzalter von 15 Jahren eingeführt. Voraussetzung ist, dass der Täter «moralischen Druck oder Überraschung» anwendet.