Literatur
Er schrieb ein Buch wie ein Zaubertrick

Der englische Autor Graham Swift erzählt eine federleichte Geschichte aus den späten Fünfzigerjahren.

Bernadette Conrad
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Der Autor Graham Swift. Archivbild 2017.

Der Autor Graham Swift. Archivbild 2017.

Keystone

Brighton im Sommer 1959. Das Seebad ist voller Sommergäste, die den Tag am Meer verbringen und sich abends etwas Schönes leisten wollen. Sie promenieren auf dem Pier, unter sich das plätschernde Wasser, und bis ans Ende des Piers zur Variétébühne. Dort wird ihnen Jack, der begnadete Conférencier, einen Abend lang Jongleure, Tellerdreher und Akrobaten präsentieren; er wird geschickt und mit gekonntem Charme den Abend auf seinen Höhepunkt zusteuern lassen: den Auftritt des Zauberers Pablo und seiner Assistentin Eve.

Eigentlich heissen sie Ronnie und Evie. Sie sind zwei junge Menschen, die im Krieg noch Kinder waren und in den von Orientierungslosigkeit und Lebenshunger geprägten Jahren danach ihren Platz im Leben suchen. Die eigenen bescheidenen Elternhäuser geben keine geistigen oder materiellen Schätze her, auf denen sich Zukunft aufbauen liesse.

Was wäre aus Ronnie geworden, wenn er nicht dies spezielle Glück im Unglück gehabt hätte: aus dem kriegsgeschüttelten London in die komfortable Umgebung eines kinderlosen Haushalts auf dem Land geschickt zu werden, wo Penny und Eric Lawrence den Jungen mit einer völlig neuen Welt und vor allem mit einem von finanziellen Sorgen freien Leben bekanntmachen? Kaum erwachsen, wird Ronnie in die Fussstapfen seines früh verstorbenen Pflegevaters treten und dessen Passion vervollkommnen: Er wird Zauberer werden.

Erzähler springt zwischen drei Perspektiven

Graham Swift erzählt die Geschichte um die drei jungen Menschen Jack, Ronnie und Evie wie ein in hellen Farben hingetupftes Sommerbild. Als sollte die Leichtigkeit und der Zauber, die sie alle drei Abend für Abend für ein Publikum inszenieren, auch dies Buch prägen, springt ein allwissender Erzähler zwischen ihren drei Per­spektiven hin und her, lässt hier Evies blaue Augen unter dem blonden Pony und der Federbusch-Tiara funkeln, leuchtet dort hinein in Ronnies Vergangenheit zwischen Mutter und Pflegeeltern, begleitet schliesslich Jack, den Conférencier, allabendlich hinter die Bühne, wo er heimlich steht, um Evie anzuschauen.

Denn so zauberisch leicht, wie Ronnie und Evie auch privat ein Paar werden, nachts Arm in Arm an der Mole spazieren, nachdem sie vorher als Pablo und Eve ihr Publikum begeistert haben, – so zauberisch leicht geht es mit der Geschichte nicht weiter. Als Ronnie überstürzt zu seiner sterbenden Mutter fahren muss, ergreift Jack seine Chance. Und wenn Evie als alte Frau, 50 Jahre später, auf die Ereignisse zurückblickt und den leeren Platz neben sich im Bett immer noch nicht begreifen kann, dann ist es nicht Ronnie, der ihr fehlt.

Das wahre Geheimnis des Buches findet also doch nicht auf der Bühne, sondern im wirklichen Leben statt. Und dass dies genauso wenig erklärt und verraten werden darf wie jene Zaubertricks, die Evie ihr Leben lang hütet, ist ein schöner Gedanke.

Ohne dass man wirklich etwas erfährt

Und dennoch steht man als Leserin etwas ratlos vor einem Buch, das mit vielen Themen hantiert; das zwei Liebesgeschichten ebenso knapp anreisst wie Ronnies Lebensgeschichte, das eine alte Frau auf ihr Leben schauen lässt, ohne dass man wirklich etwas erfährt. Vor einem Buch, das sich keiner Figur und keiner Frage wirklich widmet.

Ein Buch wie ein Zaubertrick, das nichts hinterlassen will als einen Schimmer Magie? Aber dafür hat Graham Swift seine Leser dann doch ein bisschen zu weit hinter die Kulissen geführt.

Hinweis

Graham Swift Da sind wir. Roman. Aus dem Englischen von Susanne Höbel. 159 S., Verlag dtv.