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Er schrieb das wahrscheinlich meistgelesene Buch des Kantons

Als Seklehrer hätte er ein geruhsames Leben führen können. Doch der Appenzeller Joe Manser erforscht nebenher Mundart und Musik: Er schrieb den Innerrhoder Duden, gründete das Zentrum für Appenzeller und Toggenburger Volksmusik. Jetzt wird er ausgezeichnet.
Julia Nehmiz
Joe Manser dokumentiert Sprache und Musiktradition. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo (Appenzell, 13. März 2019))

Joe Manser dokumentiert Sprache und Musiktradition. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo (Appenzell, 13. März 2019))

Hung, Mektig, Hempeeml – wer sich mit Joe Manser unterhält, muss genau hinhören, und manchmal nachfragen. Hung? Hat nichts mit Hunger zu tun. Hung ist innerrhodisch für Honig. Iimehung heisst Bienenhonig, und Steendlihung bezeichnet Honig mit einer Oberflächenstruktur wie Sterne. Und während man sich wundert, warum einem noch nie aufgefallen ist, dass Honig wie ein Sternenhimmel ausschauen kann, stolpert man über die nächsten Worte. Mektig ist Mittwoch, Hempeeml heisst Hemdärmel.

Joe Manser ist Ur-Appenzeller, und er redet nicht nur in der weichen, singenden, nasalen Mundart, er hat sie aufgeschrieben. «Innerrhoder Dialekt», so der schlichte Titel des Buches. Es ist viel mehr als ein Dialektbuch.

Das wahrscheinlich meistgelesene Buch des Kantons

Joe Manser wohnt am Rand von Appenzell, mit Blick auf Dorf, geschwungene Hügel und Alpstein. Das Haus hat er gebaut: modern und appenzellisch. Die Stube mit Kachelofen, Eckbank, Kassettendecke und Buffet – nur die Decke ist höher als in einem alten Haus.

Den Spagat zwischen althergebracht und modern, den beherrscht Joe Manser. Er erforscht das Alte und bringt es in die Moderne. Dokumentiert, wie früher gesprochen wurde, wie vor 200 Jahren musiziert wurde, wie Sprache und Musik sich verändern. Und macht alte Musik, alte Sprache für jedermann zugänglich. Für sein immenses Schaffen wird er jetzt mit dem Innerrhoder Kulturpreis ausgezeichnet. Eine längst überfällige Ehrung.

Joe Manser schüttelt den Kopf, ach nein, er freue sich einfach sehr über den Preis, über die Würdigung. «Joe Manser hat den Preis viel mehr als verdient», sagt Landammann Roland Inauen. Er war zwar nicht bei der Auswahl des Preisträgers involviert, doch kennt er Manser lange. Er hat an dessen «Innerrhoder Duden» mitgearbeitet. Es sei vermutlich das meistverkaufte und meistgelesene Buch des Kantons.

Der Innerrhoder Duden: Über 4000 Wörter, alphabetisch geordnet, in einer von Manser verfeinerten Lautschrift notiert. Über 3500 Anwendungsbeispiele, dazu Redensarten, Verse, Deklinationstabellen, Schimpfwörter und Kosenamen. Von «a» wie «an, auf» bis «zwüscheddöri». Wie kommt man dazu, ein Wörterbuch zu schreiben?

Er zahlte 20 Rappen für ein unbekanntes Wort

Joe Manser muss ein bisschen ausholen. Als Seklehrer hatte er im Deutschunterricht besonders Freude am Kapitel Mundart. Sein Lieblingssprichwort: «Heue, wenn Heuwetter ischt» – eine Sache dann tun, wenn der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist. Das passt: Manser hat oft intuitiv den richtigen Zeitpunkt erwischt.

Er fragte seine Schüler, was wisst ihr noch von unserer Mundart? Für jedes Wort, das sie ihm brachten und das er nicht kannte, zahlte Manser 20 Rappen in die Klassenkasse. «Da kamen ein paar hundert Franken zusammen», sagt er und grinst. Er freut sich noch heute, wenn er erzählt, dass seine Schüler am freien Nachmittag zu den Grosseltern liefen: «Ich muss Wörter haben, was weisst du noch?» Das war ein soziales Erlebnis, sagt Manser. Er begann, die Wörter alphabetisch zu ordnen, fragte beim Kanton, ob es Interesse gäbe an einem Wörterbuch. So rutschte er in die Sprachwissenschaft hinein.

Doch dabei blieb es nicht: Joe Manser kam auch in die Musikforschung. «Ohne ihn gäbe es das Roothuus Gonten wohl nicht», sagt Roland Inauen.

Das Zentrum für Appenzeller und Toggenburger Volksmusik wurde 2003 gegründet, aufgebaut auf dem Nachlass von Mansers Vater. Der war Briefträger, begeisterter Stegreif­musiker und legte eine riesige Sammlung an: Noten, Bilder, In­strumente, Tonaufnahmen, Bücher. Der Vater starb viel zu früh, und Joe Manser konnte den Nachlass nicht einfach fortwerfen.

Das Liederbüchlein von 1730: eine Rarität

Wieder erhielt er Unterstützung vom Kanton – und füllte ein ganzes Haus mit dem Nachlass. Längst ist nicht alles davon bearbeitet. Doch Manser hat manchen Schatz daraus geborgen, wie das Liederbüchlein der Maria Josepha Barbara Brogerin von 1730. Die Appenzeller Nonne notierte 58 Lieder. Eine Rarität: Im gesamten deutschen Sprachraum gibt es aus dieser Zeit gerade mal ein halbes Dutzend Liederbücher mit Text und Noten.

Das Liederbüchlein liegt in zweiter Auflage vor. Manser ist es ein Anliegen, die alten Lieder wiederzubeleben. Ihm geht es, wie beim Innerrhoder Dialekt, nicht darum, etwas zu retten:

«Verlorenes Sprachgut ist nicht wieder zurückzuholen.»

Er will dokumentieren, auch in der Musik. Soeben hat er Aufnahmen alter Schellackplatten als bebilderte Dokumentation mit Hörbeispielen herausgegeben. Das sei voraussichtlich sein letztes Buch, sagt Joe Manser. Er sei jetzt 73, und wolle die Zeit mit seinen Enkelkindern geniessen. Aber vielleicht packt es ihn ja doch noch einmal. Das Roothuus Gonten birgt noch so manchen ungehobenen Schatz.

Das Roothuus Gonten, Zentrum für Appenzeller und Toggenburger Volksmusik, ist geöffnet Di - Fr von 9-11.30 Uhr. Freie Besichtigung des historischen Gebäudes mit barockem Festsaal, der Instrumentensammlung, insbesondere der Toggenburger Hausorgel (1773) und den Ausstellungen im 2. und 3. Stock.

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