Er nimmt Geschichten als Ausgang für seine Werke: Der Frauenfelder Künstler Stefan Rutishauser zeigt seine neue Phase in St.Gallen

Nach der Vernissage kam Corona: Jetzt wird die Einzelausstellung des Frauenfelder Künstlers Stefan Rutishauser in St.Gallen verlängert. In der kleinen Galerie vor der Klostermauer zeigt er «dumpf und schmutzig», wie er Impressionen seiner Italienreisen verarbeitete.

Nina Keel
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Stefan Rutishauser stellt in der St.Galler Galerie vor der Klostermauer aus.

Stefan Rutishauser stellt in der St.Galler Galerie vor der Klostermauer aus.

Bild: Michel Canonica

Als dumpf und schmutzig umschreibt Stefan Rutishauser seine rund zwanzig abstrakten Bilder, die in der Galerie vor der Klostermauer zu sehen sind. Zurückhaltende Farbtöne bestimmen seine Einzelausstellung in der kleinräumigen Galerie in der St.Galler Altstadt. Die Vernissage feierte Rutishauser im März, kurz darauf kam der Lockdown. Jetzt wurde die Ausstellung wiedereröffnet, die Finissage auf 21. Juni verschoben.

Auf einem der quadratischen Bilder beim Eingang fliessen ocker- und erdfarbene Töne ineinander über, bis sie schliesslich von einem violetten Farbstreifen klar begrenzt werden. Die Gemälde mit vertikalen Streifen stehen für eine neue Phase im Schaffen des Frauenfelder Künstlers. In kurzen Texten berichtet er von Reisen nach Italien in den letzten dreissig Jahren, es sind Episoden in Rebbergen oder abgelegenen Bars. Während er in früheren Arbeiten ausgehend von besuchten Orten und Bauwerken malte, stehen seit einem Jahr Episoden am Anfang.

Schichten spielen die Hauptakteure

Das Vorkommnis des langen Ausstellungstitels – ein herunterfallendes Stück Fassadenputz, das der Künstler auf jahrhundertealte Farbschichten untersucht – hat sich so allerdings nie zugetragen. Es könnte aber nicht besser passen zur Ausstellung, wo Schichten die Hauptakteure spielen.

Ausgehend von den Kurztexten hat Rutishauser im Atelier seit Anfang Jahr Serien von je drei oder vier abstrakten Bildern geschaffen, die nun unmittelbar neben den verschriftlichten Episoden hängen. Die Bildformate hat er präzise auf die Galerie­räume abgestimmt: Während sie im lichteren Erdgeschoss etwas grösser sind, überwiegen im gedrungenen Obergeschoss kleinere.

Gemalt sind sie in Acryl, unter Zugabe von Asche und Sand. Sie sind verantwortlich für die Stumpfheit der Bilder, verleihen ihnen etwas Raues und Schmutziges. Inspiriert sind sie von Kircheninnenräumen, wie sie der Maler auf seinen Italienreisen betreten hat und deren Wand- und Deckenfarben über die Jahre an Strahlkraft verloren haben, oftmals bedingt durch Kerzenruss. Auf den Exponaten überlagern sich also gesehene Wandschichten mit eigenen Text- und Acryl-Schichten.

Mutigere Hängung wäre zeitgemäss

In der Serie betrachtet, wirken die Bilder etwas aus der Zeit, es kommt die Erinnerung an Kirchgemeindehäuser der 1980/90er Jahre auf: Grünliche Vorhänge, viel Bräunliches und Graues, gemischt mit grob verputzen Wänden. Diese Assoziation wird befördert durch die dunklen, von Gebälk geprägten Galerie­räume.

Die Klostermauer-Präsentation stellt für Rutishauser den zweiten Teil einer Ausstellungstrilogie zu den Italien­reisen dar. Für den dritten, noch offenen Teil könnte eine mutigere Hängung ausprobiert werden. So wie auf der Einladungskarte etwa, die eine Ateliersituation mit zwei aneinander angrenzenden, doppelspaltigen Bildern zeigt: Sie wirken frech und zeitgemäss.

In der Einzelbetrachtung schliesslich werden die Gemälde reizvoll. Die kleinen Rinnsale, der vielschichtige Lasurauftrag, die sanften Wechsel von dunkelblau zu -grün oder von sandfarben zu lindengrün kommen zur Geltung. Das gilt es zu entdecken, ganz besonders bei den Bildern im Obergeschoss, den spannendsten der Ausstellung.