«Er nennt Lüge, was Lüge ist»

Francisco Obieta hat das Oratorium «Verbrennt das Feuer» nach Texten des St. Galler Schriftstellers Ivo Ledergerber komponiert. Das Werk will in die Gedankenwelt von Jan Hus führen, der vor 600 Jahren in Konstanz hingerichtet wurde.

Martin Preisser
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Freunde, auch was die künstlerische Haltung angeht: Schriftsteller Ivo Ledergerber und Komponist Francisco Obieta (r.). (Bild: Ralph Ribi)

Freunde, auch was die künstlerische Haltung angeht: Schriftsteller Ivo Ledergerber und Komponist Francisco Obieta (r.). (Bild: Ralph Ribi)

KONSTANZ. Mit der Verbrennung des böhmischen Reformators Jan Hus am 6. Juli 1415 vor den Toren von Konstanz schreibt das Konstanzer Konzil sein dunkelstes Kapitel. Das zweite Jahr der Feierlichkeiten «600 Jahre Konstanzer Konzil» ist Jan Hus gewidmet. Auch musikalisch wird dieser vielfältig gewürdigt.

Mit «Verbrennt das Feuer» hat die Stadt einen Kompositionsauftrag an den Ostschweizer und aus Argentinien stammenden Komponisten Francisco Obieta vergeben, der Texte des St. Galler Schriftstellers Ivo Ledergerber vertont. Obieta und Ledergerber verbindet eine lange Freundschaft, die sich 2010 auch im gemeinsamen «Kremser Requiem» widerspiegelte. Für das Hus-Projekt hat der zum Protestantismus übergetretene Francisco Obieta den katholisch sozialisierten Ivo Ledergerber für einen Text angefragt. «Francisco versteht meine Sprache», sagt der Schriftsteller.

Keine Zwölfton-Texte

«Ivo ist der Schubert der Wörter», schwärmt Francisco Obieta, «er ist ein reicher Mensch und schreibt keine komplizierten Zwölfton-Texte. Seine Sprache ist einfach, aber nicht banal.» Ivo Ledergerber will mit seinem neuen Text «Verbrennt das Feuer» keine Chronik über Jan Hus und das Konzil vorlegen, sondern auch durchaus widersprüchliche Zugänge zum Denken des frühen Reformators finden. In lyrischer Form sollen konzentrierte Schwerpunkte «abseits von ausufernder Geschwätzigkeit» gesetzt werden.

Zuerst das Wort

Hus, das sei ein geradliniger, facettenreicher Mensch gewesen, aber auch naiv und stur, sagt Ivo Ledergerber. «Er war auch selber mit daran schuld, dass er verbrannt wurde.» «Ein Hus scheut nicht, nennt hohl, was hohl, nennt Lüge Lüge», heisst es im Oratorium. «<Zuerst das Wort>, in diese Formel möchte ich Hus packen, den radikalen Wahrheitssucher, der meine Bewunderung hat», sagt Ledergerber, der sich der Figur mit kräftiger, bildreicher Lyrik nähert. «Ein paar Namen ausgewechselt, und die Geschichte um Hus ist auch heute hochaktuell», sagt Francisco Obieta.

Das Motto «Zuerst das Wort» nimmt er wörtlich und will sich mit seiner Musik direkt in den Text begeben. Respekt vor dem Wort und der Wunsch direkt an die Gefühle der Zuhörer zu gehen, bewege sein Komponieren. «Ich möchte mit meiner Musik nicht intellektuell verschleiern, sondern unmittelbar ansprechen, sagt Obieta und bezeichnet seinen Stil als «nuovo verismo». Vorbild sei hier Puccini, dessen grossen musikalischen Gefühle man direkt aus der Musik heraus verstehe, auch ohne den Operntext zu kennen. «Ich möchte wahrheitsgemäss musikalisch verkörpern, was da ist», sagt Obieta, der bei der Umsetzung des Hus-Stoffes sowohl mittelalterliches wie auch modernes Instrumentarium verwendet und damit zwischen einer historischen und einer allgemeingültigen Sicht auf Jan Hus pendelt. Francisco Obieta, auch bekannt als vielseitiger Kontrabassist und Tango-Komponist, ist sich der enormen Herausforderung, sakrale Musik zu schreiben, bewusst. «Man beschäftigt sich mit wesentlichen Fragen, mit dem Glauben, der im Menschen genetisch angelegt ist.»

Emotional direkt

Klar schreiben und keine «abstrusen intellektuellen Wege gehen» wolle er. Und direkt ansprechen, ohne billig zu sein. «Moderne Musik darf gefallen, darf aber nicht gefällig sein», beschreibt Obieta seine Musiksprache, die allzu komplizierten ästhetischen Konzepten eher fern steht und auf emotionale Direktheit und Griffigkeit abzielt.

Aufführungen: Samstag, 9. Mai, 20 Uhr, Münster, Konstanz (Uraufführung); Sonntag, 10.5., 17.15 Uhr, kath. Kirche, Amriswil; Mittwoch, 13.5., 19 Uhr, Kapelle Landeskonservatorium, Feldkirch. Es musizieren Solisten, Chor und Orchester des Vorarlberger Landeskonservatoriums unter Benjamin Lack.

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