Er machte die Musik aufregend

Eine Biografie wirft aus Anlass seines hundertsten Geburtstags Schlaglichter auf den Dirigenten und Komponisten – und blendet seine Schattenseiten nicht aus.

Rolf App
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In seiner Jugend im ländlichen New Hampshire hat der heute 71-jährige Komponist John Adams ihn im Fernsehen entdeckt. «Es war wie eine Offenbarung», erinnert er sich an die späten Fünfziger- und frühen Sechzigerjahre des letzten Jahr- hunderts. «Ich sass wie gebannt vor dem Bildschirm, als Lenny sprach: über Beethovens Fünfte, über Jazz und vieles mehr. Für mich war das wie eine Befreiung.» Von seinen Klassenkameraden habe er viel Spott ertragen müssen, sie nannten seine Leidenschaft für klassische Musik «mädchenhaft». «Bernstein hat all das widerlegt; er war wie ein Fernsehstar, nur besser. Er sah gut aus, bewegte sich elegant vor der Kamera, sprach überzeugend und klar über die Musik, die ich liebte, und machte das Hören von Musik von Beethoven oder Strawinsky aufregend.»

Noch heute spürt man in solchen Worten etwas von der Aura, die den 1990 verstorbenen Dirigenten, Komponisten und Musikvermittler Leonard Bernstein umgab, dessen Geburtstag sich am 25. August zum hundertsten Mal jährt, und über den der Musikhistoriker Sven Oliver Müller gerade eine neue Biografie vorgelegt hat. Wobei er angenehm nüchtern bleibt und die Schattenseiten – Bernsteins Sucht nach Glamour, sein verstörendes Liebesleben, die enorme Unrast in seinem Leben, seine Depressionen – keineswegs ausklammert. Sie sind gewissermassen die Kehrseiten dieses grossen, ungeheuer fleissigen Charismatikers, der die Welt der Musik verändert hat – mit seinen Interpretationen wie mit seinen Kompositionen. Denn neben den bekannten Musicals «On the town» und «West Side Story» gibt es noch viel zu entdecken. Das Jubiläumsjahr wird dazu Gelegenheit bieten.

Und weil Leonard Bernstein so vielseitig war, erzählt Sven Oliver Müller sein Leben nicht chronologisch, sondern betrachtet es in seinen Facetten, beschreibt den Dirigenten, den Komponisten, den Privatmenschen und Pädagogen, den Politiker und den Amerikaner. Denn der Mann, der eine Zeit lang vom Geheimdienst überwacht wurde, war gerade mit seiner Neigung zu Jazz und Pop ein Kind seines Kontinents.

Zusammen mit ihm auf Entdeckungsreise gehen

Im Zentrum steht, natürlich, der Musiker. Was ihn ausmachte, das hat aus eigener Erfahrung der Zusammenarbeit mit ihm die kürzlich neunzig gewordene Sängerin Christa Ludwig in Worte gefasst. Sie habe Mahlers «Lied von der Erde» mit Georg Solti, mit Otto Klemperer und mit Herbert von Karajan gemacht, sagte sie, «aber wo man wirklich weinen kann, das ist bei Bernstein. Es ist bei ihm so aufregend, dass er immer etwas Neues entdeckt, so, dass wir mit ihm zusammen auf Entdeckungsreise gehen.» Bernstein sei «hochintelligent, was ja bei Dirigenten nicht so häufig ist», merkt Ludwig ironisch-spitz an. Und: «Er wusste um die Schönheit, den schönen Klang.» Aber, fügt sie noch bei: «Er wusste mit Sängern nicht Bescheid.»

Das hat vielleicht mit jenen Charakterzügen zu tun, die im rasanten Aufstieg des jungen Dirigenten ab 1943 bald in den Vordergrund traten: Er wusste um seine Qualitäten, inszenierte sich gern und überliess anderen nur ungern die Bühne. Er scharte Bewunderer um sich, liess sich von aller Welt hofieren und verlor dann leicht den Sinn für Grenzen.

Es ist eine harmlose, aber recht bezeichnende Geschichte, die Müller ans Ende des Buches setzt: 1984 schaute der Publizist Klaus Harpprecht nach einem Konzert in Leonard Bernsteins Privatwohnung am New Yorker Central Park vorbei. Freunde sassen beieinander, in ihrer Mitte ein erschöpfter Bernstein. Der aber sofort zum Leben erwachte, als ein Herr zu singen und eine Frau zu tanzen begann. Als sich die Nachbarin über den Lärm beklagte, wurde sie aufgefordert, doch herüberzukommen. «Das ist es», dachte Harpprecht, «die Beschwörung von Leben. Dafür schlug sich dieser Zauberer die Nacht um die Ohren.»

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