Er machte dem deutschen Kino Beine

Er machte dem deutschen Kino Beine Es ergeht Tom Tykwer wohl wie vielen anderen namhaften Regisseuren. Ihren Namen kennen lange nicht so viele Menschen wie ihre Filme: «Lola rennt» aus dem Jahr 1998 ist so einer. Oder auch seine erfolgreiche Patrik-Süskind-Verfilmung «Das Parfum» (2006).

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Tom Tykwer: Mit «Lola rennt» landete er 1998 einen Kino-Hit. (Bild: Gero Breloer (AP))

Tom Tykwer: Mit «Lola rennt» landete er 1998 einen Kino-Hit. (Bild: Gero Breloer (AP))

Es ergeht Tom Tykwer wohl wie vielen anderen namhaften Regisseuren. Ihren Namen kennen lange nicht so viele Menschen wie ihre Filme: «Lola rennt» aus dem Jahr 1998 ist so einer. Oder auch seine erfolgreiche Patrik-Süskind-Verfilmung «Das Parfum» (2006). Der temporeiche und inszenatorisch experimentierfreudige und verspielte Film «Lora rennt» mit der ständig rennenden, rothaarigen Franka Potente war weltweit ein Kinohit. Es ermöglichte dem deutschen Regisseur, dass er immer häufiger internationale Produktionen realisieren konnte. Eine solche war zuletzt der elegante Thriller «The International» (2009), der 2009 die Berlinale eröffnete.

Ein Schub für das deutsche Kino

Der 47jährige Tom Tykwer gehört zu den Filmbesessenen. Schon früh war er vom Kino begeistert, begann in seiner Geburtsstadt Wuppertal in einem Kino als Kartenabreisser und bald als Filmvorführer. Mit 23 Jahren leitete er ein Programmkino in Berlin, durfte seine Lieblingsfilme programmieren und verschlang alle Filme, die ihm noch vor die Augen kamen. Anfang der 1990er drehte er dann seine ersten Kurzfilme und inszenierte 1993 mit «Die Tödliche Maria» seinen ersten Spielfilm. Mit «Winterschläfer» (1997) war er am Wettbewerb in Locarno.

Und dann kam eben «Lola rennt», der dem deutschen Kino Beine machte. Das tat Tykwer nicht nur auf der Leinwand: Gemeinsam mit Berliner Regiekollegen (darunter der Schweizer Dani Levy) gründete er die Produktionsgesellschaft «X Filme Creative Pool», womit sich die Filmer einerseits unabhängiger machten und sich anderseits oft bei ihren jeweiligen Projekten unterstützten.

Zahlreichen jungen Talenten ermöglichte «X Filme» seither den Start ihrer Filmkarriere. Und 2008 hat Tykwer sein Engagement auf Kenia ausgedehnt: Er gründete einen gemeinnützigen Verein, der Kunsterziehungs- und Weiterbildungsprojekte mit Jugendlichen fördert; auch die Produktion eines Filmes hat er ermöglicht.

Ein Gefühl für den Raum

Fast alle Filme Tykwers ernteten Kritikerlob und waren Publikumserfolge. Dadurch konnte er 2002 mit dem elegischen Liebesdrama «Heaven» seinen ersten englischsprachigen Film realisieren. Das Kino des sympathischen Filmemachers zeichnet sich durch eine prägnante Ästhetik und eine ausgefeilte Kameraführung aus, bei der auch die Musik (zu der Tykwer oft beiträgt) eine wichtige Rolle spielt. Unübersehbar ist, welch ausgeprägtes Gefühl der Regisseur für Räume und Landschaften hat; sie sind mehr als blosser Schauplatz, sondern tragen zum Charakter und der Stimmung der Geschichte bei. Ein weiteres Merkmal ist das Spiel mit Zufall und Schicksal, was einen spannenden Gegenpol zu den kunstvoll durchkomponierten Drehbüchern bildet. Dass selbst die von einigen Kritikern weniger geliebte Liebesgeschichte «Drei» mit ihrer inszenatorischen Brillanz beeindruckte (und ihm einen Regiepreis einbrachte), unterstreicht, warum Tom Tykwer zu den bedeutendsten deutschen Filmemachern seiner Generation zählt.

Die teuerste Produktion

Sehr gespannt sein darf man auf das neuste Werk: Im November startet das Science-Fiction-Abenteuer «Cloud Atlas», eine Verfilmung des gleichnamigen Romans «Der Wolkenatlas» von David Mitchell – nach «Das Parfum» erneut eine literarische Vorlage, die als «unverfilmbar» gegolten hat. Und mit 100 Millionen Dollar die bislang teuerste deutsche Produktion ist. Die Regiearbeit teilte sich Tykwer mit dem «Matrix»-Regieduo Lana und Andy Wachowski. Ob man wohl ihre beiden Regiestile erkennen wird?

Doch zuerst erhält Tykwer heute am Zurich Film Festival einen «Tribute»-Preis – für ein Lebenswerk, das freilich noch längst nicht abgeschlossen ist. Zudem ist der Produzent, Drehbuchautor und Regisseur im Filmpodium Zürich an einer öffentlichen Masterclass zu hören. Dort ist zu erleben, wie der kluge Filmliebhaber auch damit zu fesseln weiss, wenn er übers Filmemachen erzählt.

Andreas Stock