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Er kombiniert Barock und Breakdance – Jakub Józef Orliński stellt die Opernwelt auf den Kopf

Countertenor Jakub Józef Orliński findet die Inspiration für seine Opernrollen beim Breakdancen. Obwohl er mittlerweile ein Star ist, bleibt er zugänglich wie kaum ein anderer Opernsänger.
Anna Kardos
Jakub Józef Orliński wagt den Spagat zwischen Opernbühne und Breakdance – und das erfolgreich.Bild: Urs Jaudas

Jakub Józef Orliński wagt den Spagat zwischen Opernbühne und Breakdance – und das erfolgreich.Bild: Urs Jaudas

Der Mann steht Kopf, oder besser: Hand, aber nur auf einer. Die Beine ragen nach oben – als würden sie mit den Silhouetten der Stuckaturen wetteifern wollen. L-Kick nennen Breakdancer diesen Freeze, also ausgehaltene Stellung. Derselbe Mann steht keine fünfzehn Minuten später – nun mit den Füssen nach unten – auf der Bühne des Opernhauses Zürich. Aus seiner Kehle sprudeln die höchsten Töne, die man sich bei einem Sänger vorstellen kann. Countertenor nennen Musikliebhaber diese Stimmlage.

Der Mann? Jakub Józef Orliński heisst er und ist Breakdancer sowie Countertenor aus Warschau. Ach ja, Shooting Star ist er auch, seit er vor zwei Jahren auf Youtube viral ging (sein Auftritt mit «Vedro con mio diletto» in Shorts und Shirt wurde über 4 Millionen Mal angeklickt):

2019 gewann er den Gramophone’s Award als «Young Artist of the Year» sowie den Opus Klassik. Orliński ist richtig cool. Und das in verschiedener Hinsicht.

Besser als in seinen kühnsten Träumen

«Ich bin immer happy», erzählt er auf Youtube. «Weil ich meine kühnsten Träume vor zwei Jahren plötzlich übersprungen habe. Darum kann ich relaxed annehmen, was immer mir zufällt.» Und das ist – relaxed hin oder her – gerade einiges: Engagements für Konzerte und Titelpartien in der Carnegie Hall, Aix-en-Provence, Frankfurt, am Glynderbourne Festival. Und ab diesen Sonntag in Zürich. Da singt er den Perserkönig Cyrus in Händels «Belshazzar».

Dabei hat zunächst nichts auf eine Musikerkarriere hingedeutet. Orlińskis Eltern arbeiten als visuelle Gestalter. «In der Schule war ich der Schmächtigste und der Schüchternste. Meine Lehrer sagten: Gib nicht auf!», erzählt er entwaffnend ehrlich auf Youtube, für ein Treffen kurz vor der Zürcher Premiere hat er keine Zeit.

Dabei blitzt sein mittlerweile auffallend gut trainierter Bizeps aus dem T-Shirt (er hat für Nike, Samsung und Mercedes-Benz gemodelt). Aber das ist auch schon ungefähr seine einzige Starallüre. Denn sonst wirkt der 28-Jährige so sympathisch und zugänglich wie kaum ein anderer Opernsänger. Vielleicht, weil sein Weg so wenig vorgezeichnet war? Mit acht wurde er als Sänger für einen Kinderchor ausgewählt.

«Ich war stolz. Zum ersten Mal hatte ich etwas bestanden.»

Der Ehrgeiz blieb. Ob beim Skateboarden oder Breakdancen – «wenn die Hand mal blutet, ich mache weiter», sagt er. Das tat er auch, als er bei der Aufnahmeprüfung an die Musikakademie so unausgereift sang, dass er gerade eben noch aufgenommen wurde. Bevor er 2015 an die Juilliard School wechselte, brachte er sein Studium als Underdog statt als Top Dog hinter sich.

Seine Skater-Freunde hatten ohnehin wenig Verständnis für Jakubs Gesang in Frauen-Stimmlage. «Ein Countertenor-Anfänger klingt, wie wenn ein Kind beginnt, Geige zu lernen», erklärt er im Rückblick. «Das kratzt und quietscht endlos, bevor daraus reine Töne werden.»

Mittlerweile sind die Töne bei ihm nicht nur rein. Sondern ungewöhnlich schön, wie man in Sekundenschnelle staunend feststellen kann: Samtig und rund – und ungewöhnlich dunkel für einen Countertenor, angesichts der Tatsache, dass dieser nur mit den Rändern seiner Stimmbänder statt dem ganzen Stimmband singen muss. Vielleicht hat Jakub Józef Orlińskis Timbre mit der besonderen Körperbeherrschung zu tun, die der Pole mitbringt. Er kennt jede Partie, jeden Muskel seines Körpers, weiss, was funktionieren kann.

«Breakdancen und Barock haben viele Gemeinsamkeiten»

«Ich liebe das Gefühl, wenn ich mit der Stimme alles tun kann», bekennt er. Und: «Ich liebe Barock. Er bedeutet für mich Freiheit. Weil Komponisten wie Händel dem Sänger viele Entscheidungen überlassen, sodass ich meine Persönlichkeit ausdrücken kann.» Darum hätten Breakdancen und Barock viele Gemeinsamkeiten.

Dass Händel für ihn ein adäquater Ersatz für Hip-Hop ist, mag der Grund dafür sein, dass er in letzter Zeit immer weniger tanzt. Möglicherweise ist daran schlicht der volle Terminkalender schuld. Trotzdem. Tanzen sei für ihn wichtig. Es helfe ihm sogar bei seinen Opernrollen: «Ich baue den Charakter meiner Figur auf dessen Körperbewegungen auf», erklärt er.

Ein Sänger, der seine Rollen tanzend erarbeitet?

«Unsere Generation ist ziemlich anders als die vorherige. Wir sind jung, haben neue Ideen. Und diese bringen wir in die Oper hinein»

, ist er überzeugt. Pavarotti hätte sich bei solchen Aussagen an den Kopf – oder ans Herz – gegriffen. Aber wer nicht gerade Pavarotti heisst, für den klingt das nach ziemlich coolen Aussichten.

Hinweis: «Belshazzar», Opernhaus Zürich, ab 3. November.

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