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Demütigungen, Küsse auf den Mund, Klapse auf den Po: St.Galler Sopranistin sagt vor Staatsanwaltschaft gegen Dirigent aus

Sie sang die grossen Partien an den Tiroler Festspielen in Erl. Jetzt wird die St. Galler Sopranistin Mona Somm in der «Causa Kuhn» gegen den künstlerischen Leiter und Dirigenten der Festspiele aussagen. Sie könne nicht mehr wegschauen, sagt sie.
Julia Nehmiz
«Singen hat viel mit Ehrlichkeit zu tun»: die St. Galler Sopranistin Mona Somm. (Bild: Urs Bucher)

«Singen hat viel mit Ehrlichkeit zu tun»: die St. Galler Sopranistin Mona Somm. (Bild: Urs Bucher)

Sie ist vorsichtig geworden. Mona Somm hat die Chat-Funktion bei Facebook deaktiviert, alte Kontakte geblockt. Und sie hat ihren Freundeskreis informiert: «Wer sich aus dem Fenster lehnt und Stellung bezieht, wird angegriffen. So auch ich.» Sie bittet ihre Freunde darum, ihr Kraft zu schenken. Denn: «Vielleicht wird es ein bitteres, hartes Jahr. Wollen wir hoffen, dass das Recht auf unserer Seite steht.»

"Wer sich aus dem Fenster lehnt und Stellung bezieht, wird angegriffen. So auch ich."

Die St. Galler Sängerin hat sich in einem grossen Fall öffentlich geäussert. Es geht um Machtmissbrauch, Mobbing, massive sexuelle Übergriffe. Dies soll der Gründer, künstlerische Leiter und Dirigent der Tiroler Festspiele Erl, Gustav Kuhn, über Jahrzehnte hinweg Frauen angetan haben. Sängerinnen, Musikerinnen, Angestellten.

Die «Causa Kuhn» wurde im Februar öffentlich. Der österreichische Journalist Markus Wilhelm recherchierte über Jahre zu den Missständen in Erl. Als er diese auf seinem Blog veröffentlichte, folgte ein medialer Aufruhr – doch in Erl passierte nichts.

Klaps auf den Po, so normal wie sonst ein Handschlag

Während sich andernorts Orchester sofort von ihren Stardirigenten trennen – James Levine, Charles Dutoit, Daniele Gatti –, bleibt in Erl alles beim Alten. Gustav Kuhn dirigiert, führt Regie, lädt in seine Accademia di Montegral in der Toskana zu Probenwochen. Die Festspiele setzen eine Ombudsfrau ein. Diese erklärte, sie werde nicht aktiv den Vorwürfen nachgehen, Betroffene könnten sich bei ihr melden.

Mona Somm ist fassungslos. Diese Nichtreaktionen in Erl waren es auch, warum die St. Gallerin sich entschloss, gemeinsam mit anderen Künstlerinnen einen offenen Brief zu unterzeichnen. Sich hinzustellen, mit Namen. «Es geht nicht um Rache, niemandem», sagt sie. «Es geht dar­um, dass das System gestoppt werden muss.»

Ungehemmte Aggressionen und massive seelische Gewalt

Das «System Kuhn» – es ist eine lange, komplizierte Geschichte. Erlkönig nennen sie Gustav Kuhn in Tirol. Verbandelt ist er mit Politik und Wirtschaft, die Festspiele Erl sind ein Erfolg; sein Erfolg. Kuhn hat sie ins Leben gerufen. Dass heute einige tausend Festivalbesucher nach Erl pilgern, um Wagner-Opern ohne moderne Regiemätzchen zu erleben, dafür tolle Stimmen junger Nachwuchskünstler geniessen, dass ein modernes Festspielhaus gebaut wurde für die Wintersaison, dass das internationale Feuilleton über Erl berichtet – alles sein Verdienst.

Doch wenn man den Künstlerinnen zuhört, die den offenen Brief geschrieben haben, erscheinen die Festspiele Erl in einem düsteren Licht. Eine Sängerin berichtet, dass Gustav Kuhn ihr Partien im «Ring» zugesagt habe. Doch als sie sich gegen einen massiven sexuellen Übergriff wehrte, sei sie mit kleineren Rollen bestraft worden. Im offenen Brief ist von ungehemmten Aggressionen des künstlerischen Leiters die Rede, von massiver seelischer Gewalt in Form von Mobbing, öffentlicher Blossstellung, Demütigung und Schikane. Von anhaltendem Machtmissbrauch und sexuellen Übergriffen. Die Unterzeichnerinnen sind empört, dass trotz der bekannten Faktenlage die Konsequenzen auf sich warten liessen.

Tägliche Demütigungen und Beschimpfungen

Mona Somm hat viele Jahre die grossen Partien in Erl gesungen – Richard Wagner, Richard Strauss. Sie durfte tolle Rollen singen. Doch auch sie hat regelmässige Demütigungen erlebt. Sie sitzt in ihrer Küche, und als sie davon erzählt, wirkt diese selbstbewusste Frau mit dem sonst so direkten Ton und den offenen Augen fahrig, angespannt. Ihre Hände zittern, als sie Kaffee zubereitet. Sie erzählt, wie Kuhn 2011 in einer Probenwoche in der Accademia sie so manipulierte, dass sie an ihrer Wahrnehmung zweifelte. «Er hat mich seelisch gebrochen», sagt Mona Somm. Und sie bricht in Tränen aus.

Sie hat lange überlegt, ob sie wirklich aussagen soll. Klar, da waren die täglichen Demütigungen und Beschimpfungen in den Proben, die Klapse auf den Po, in Erl so normal wie ein Handschlag zur Begrüssung. Der ungewollte Kuss auf den Mund. Die Küsse auf die Brüste, direkt vor einem Auftritt. Als Mona Somm an anderen Opernhäusern arbeitete, in Kanada, Dänemark, Deutschland oder in der Schweiz, erlebte sie Dirigenten, welche die Sänger respektvoll behandeln. Die die Sänger mit einbeziehen. «Dass ein Dirigent oder Regisseur einen so beschimpft oder beleidigt, das gab es nirgends.» Trotzdem hatte sie all die Jahre nicht den Mut, in Erl zu sagen: Das geht zu weit.

Doch dann erzählte ihre Freundin von einem massiven sexuellen Übergriff Kuhns. Und von den anderen Sängerinnen und Sängern, die wegschauten. Mona Somm kann nicht mehr wegschauen. Im Oktober wird sie vor der Staatsanwaltschaft Innsbruck aussagen.

Dirigent Gustav Kuhn bestreitet die Vorwürfe

Wie es für sie beruflich weitergeht, weiss sie nicht. Ihr Agent hatte ihr dringend abgeraten, ein TV-Interview im ORF zu geben. Sie tat es trotzdem. Seitdem hat sie nie wieder etwas von ihm gehört. In Erl wird sie nicht mehr auftreten. Ein Vorsingen in Leipzig steht in Aussicht. Hat sie Angst, dass sie wegen ihrer Aussagen im Fall Kuhn keine Engagements mehr bekommt, weil sie vielleicht als «schwierig» gilt, als eine, die den Mund aufmacht? Mona Somm schüttelt den Kopf: «Ich denke, dass es genügend Theater gibt, welche mutige, selbstbewusste Sängerinnen wollen.» Einen Schritt zurück gibt es für sie nicht. Zu stark habe dieses Erlebnis ihr Leben verändert. «Singen hat viel mit Ehrlichkeit zu tun.»

"Ich denke, dass es genügend Theater gibt, welche mutige, selbstbewusste Sängerinnen wollen."

Michael Krüger, der Anwalt von Gustav Kuhn und den Tiroler Festspielen, sagte in einem TV-Interview: «Die Vorwürfe stimmen mit Sicherheit nicht. Mein Mandant hat die Vorwürfe glaubwürdig bestritten.» Der Präsident der Festspiele antwortete auf den offenen Brief, dass man eine Vorverurteilung von Maes­tro Kuhn über das Internet in höchstem Masse für unfair halte. Kuhn lässt seit dem offenen Brief seine Leitungstätigkeit in Erl ruhen. Mittlerweile werden Stimmen laut, dass er sich als Dirigent zurückziehen solle, bis die Vorwürfe geklärt seien.

Mona Somm und die anderen Unterzeichnerinnen haben ausgesagt oder werden noch aussagen. Und dann werde man weitersehen, sagt sie.

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