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«Beethoven hat die Pauke neu definiert»

Das Sinfonieorchester St. Gallen führt acht Sinfonien Beethovens auf. Für die beiden Pauker des Orchesters ist das ein ganz besonderes Erlebnis. Noch nie seien sie der Emotionalität dieses Komponisten so nah gekommen, sagen sie.
Martin Preisser
Sie teilen sich acht Beethoven-Sinfonien: die beiden Pauker Maximilian Näscher (l.) und Manuel Becker. (Bild: Michel Canonica)

Sie teilen sich acht Beethoven-Sinfonien: die beiden Pauker Maximilian Näscher (l.) und Manuel Becker. (Bild: Michel Canonica)

Manuel Becker, Solopauker des Sinfonieorchesters St. Gallen, erzählt von einer Situation in einem berühmten Sinfonieorchester, als der Pauker kurz vor Schluss der fünften Sinfonie von Tschaikowsky die Bühne verlassen musste, weil ihm unwohl wurde. «Als er plötzlich fehlte, merkte man auf einmal, wie enorm wichtig die Rolle der Pauke für die Gesamtarchitektur des Stücks eigentlich ist.»

Eine tragende und damals höchst innovative Rolle hat Ludwig van Beethoven in seinen Sinfonien der Pauke zugedacht. «Er hat hier die Aufgaben ganz neu definiert», sagt Maximilian Näscher, stellvertretender Solopauker und Erster Schlagzeuger im Orchester. «Er integriert die Pauke erstmals in der Musikgeschichte bewusst und sehr genau in die motivisch-thematische Gestaltung der Partitur und lässt sie die rhythmische Struktur der Sinfonie präzis untermalen.» Näschers Kollege Manuel Becker spielt ein kurzes Motiv aus Beethovens «Fünfter» an. Allein aus dem Rhythmus hört man mit den zwei im Quintabstand gehaltenen Paukentönen schon die Stimmung des Satzes, ja man erkennt ihn sofort wieder.

Beethoven integral zum Abschied von Otto Tausk

Für den scheidenden Chefdirigenten Otto Tausk haben die Programmverantwortlichen des Sinfonieorchesters St. Gallen quasi den roten Teppich ausgelegt und dem Musiker, der jetzt nach Vancouver weiterzieht, die Möglichkeit gegeben, alle Beethoven-Sinfonien (ausser der neunten) in einem dichten Zyklus aufzuführen.

Auch für die beiden Paukisten oder Pauker (so darf man sie offiziell durchaus nennen, auch wenn der Begriff als Synonym für den pedantisch strengen Lehrer steht) ist das ein besonderer Moment. Maximilian Näscher übernimmt die ersten vier, Manuel Becker die weiteren vier Sinfonien. Mental sehr herausfordernd sei das, aber eine einmalige Chance, die einem in einem Musikerleben wahrscheinlich nur einmal passiere, sagen Becker und Näscher. Noch nie seien sie der Emotionalität Beethovens so nah gekommen. Und mit einem solchen Projekt wachse auch das Orchester zusammen. Es sei begeisternd, ganz konkret die immense Entwicklung Beethovens und seinen immer tiefsinnigeren Weg von den frühen zu den späten Sinfonien miterleben zu dürfen. «Man spürt in seinen Sinfonien so stark die Höhen und Tiefen, die Berge und die Täler seines Lebens. Ganz besonders auch die Täler», sagt Maximilian Näscher, der aus Liechtenstein stammt und vor seinem klassischen Schlagzeugstudium in der Gothic Metal Band «Elis» spielte.

Bei Beethoven ist ein schlanker Paukenton gefragt

«Beethoven nimmt einen richtig mit, man leidet oft mit ihm», sagt Manuel Becker, der auch von der Ironie erzählt, die in dieser Musik stecke. Becker, der aus Saarbrücken stammt und in Karlsruhe studiert hat, ist mit 25 ein recht junger Solopauker, elf Jahre jünger als Näscher und wie dieser die dritte Saison in St. Gallen. Der kurze, perkussive Klang ist bei den Beethoven-Sinfonien gefragt. Die beiden Pauker spielen auf kleineren historischen Pauken aus dem späten 19. Jahrhundert. Die kommen dem schlanken Klangbild nah, das in dieser Musik gefordert ist.

Pauke spielen bei Beethoven ist viel mehr als blosse rhythmische Grundierung, es ist ein Geben und Nehmen, ein Reagieren und ein bewusstes Vorantreiben. «Ich muss stets genau wissen: Setze ich mich sozusagen auf den Klang des Orchester oder bin ich derjenige, auf den sich das Orchester klanglich setzt? Begleite ich oder führe ich?», erklärt es Maximilian Näscher. Viele exponierte Partien aus Beethoven-Sinfonien sind heute fester Bestandteil bei Probespielen für eine Paukerstelle in einem Orchester. Maximilian Näscher und Manuel Becker nennen auf die Frage nach ihrer Lieblings-Beethoven-Sinfonie beide die Siebte. Bei Beethoven sind sie intensiv gefordert, tragen entscheidend zum stabilen Gerüst des Gesamtklangs bei. Und Maximilian Näscher erinnert sich an einen Satz eines Dirigenten, der in einer Probe einmal gesagt hat: «Auch Pauke kann man musikalisch spielen.»

Schraube, Kurbel und Pedal

Für den Zyklus der acht Beethoven-Sinfonien spielen Manuel Becker und Maximilian Näscher auf historischen Pauken des späten 19. Jahrhunderts, mit Kalbsfellen, die sich mit einer Kurbel stimmen lassen. Die Pauken zur Zeit Beethovens besassen sechs Schrauben. Mit drei Handgriffen werden sie paarweise gedreht und gestimmt. Die moderne Pauke wird mit dem Pedal gestimmt. Die beiden Töne ändern sich nur zwischen den verschiedenen Sätzen eines Stücks. Sehr oft muss der Pauker allerdings während des Spiels vorsichtig und den Gesamtklang nicht störend nachstimmen. Die Luftfeuchtigkeit im Saal beeinflusst die Stabilität der Stimmung dabei entscheidend. (map)

Hinweis

Beethoven-Zyklus: 24.5. bis 9.6.,
Tonhalle, St. Gallen

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