Er fasst Gefühle zur aktuellen Lage in feine Worte: Der Thurgauer Schriftsteller Peter Stamm und sein literarisches Online-Tagebuch 

Lesungen, Buchvernissagen, alles abgesagt. Das Aargauer Literaturhaus Lenzburg geht neue Wege: Es lässt den Thurgauer Schriftsteller Peter Stamm und die Appenzeller Schriftstellerin Dorothee Elmiger online Tagebuch schreiben.

Julia Nehmiz
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Der Thurgauer Schriftsteller Peter Stamm schreibt täglich Tagebuch, für alle online zu lesen.

Der Thurgauer Schriftsteller Peter Stamm schreibt täglich Tagebuch, für alle online zu lesen.

Bild: Mareycke Frehner

«Wie oft in Krisen zeigen die Leute ihre besten und ihre schlechtesten Seiten. Die einen werden freundlicher, geduldiger, kümmern sich um die, denen es schlechter geht, die anderen denken nur an sich und hamstern panisch und ohne Grund, was sie kriegen können.»

Der Thurgauer Schriftsteller Peter Stamm spricht 19. März sicher vielen aus dem Herzen. In seinem ersten online-Tagebuch-Eintrag greift er die Unsicherheit auf, die etliche verspüren angesichts der Corona-Pandemie, die das Land fest und immer fester im Griff hat. 

Da kommt die Idee des Aargauer Literaturhauses Lenzburg genau richtig. Auf der Homepage lässt man die beiden Schriftsteller Peter Stamm und Dorothee Elmiger online-Tagebuch schreiben. Mit klugen Gedanken und feiner Sprache, manchmal auch ganz direkt und schnörkellos, beschreibt der gebürtige Weinfelder Peter Stamm ganz persönlich, wie er diese Pandemie-Zeiten erlebt.

«Angst trifft mein Gefühl nicht, denn Angst habe ich nicht vor dem Virus»

Peter Stamms Tagebucheinträge sind einmal lustig: «In meinem neuen Buch (kommt erst im September) fragt sich ein junger Mann, ob man eine Bank besser bei gutem oder bei schlechtem Wetter überfällt. Ich habe mich heute gefragt, ob eine Pandemie bei gutem oder schlechtem Wetter erträglicher ist.»

Und dann nachdenklich: «Ich suche nach einem Wort. Angst trifft mein Gefühl nicht, denn Angst habe ich nicht vor dem Virus. Das englische «gloom» ist mir eingefallen, als ich nach einer genauen Übersetzung suche, finde ich «Trübsinn, Schwermut, Finsternis, Düsterheit». Aber auch das trifft es nicht. Am ehesten könnte man das Gefühl als ein Rezept beschreiben: Man nehme etwas Sorge, etwas Nervosität, etwas Verwunderung, ziemlich viel Unruhe, ein paar Vorahnungen, Unentschlossenheit, Antriebslosigkeit und doch auch eine Prise Zuversicht.»

Wer also genug hat vom Nachrichten-Virus-Dauerfeuer, dem sei das Autorentagebuch auf der Homepage des Aargauer Literaturhauses wärmstens empfohlen. Dort gibt es die tägliche Dosis kluger Gedanken und feiner Worte. Und was man selber nicht in Worte fassen kann: Peter Stamm findet die passenden.

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Fast 1500 Auftritte mit seinen Romanen und Erzählungen hat Peter Stamm hinter sich. Unterwegs sein gehört für Schriftsteller zum Beruf; nur wenige können auf die Einkünfte aus Lesungen verzichten  – von Routine mag er dennoch nicht reden.
Bettina Kugler