«Er erfand einfach neue Noten hinzu»

Zum 80. Geburtstag des Pianisten Glenn Gould sind mehrere CD-Boxen neu erschienen. Sie lassen einen eigenwilligen und zugleich anrührenden Künstler lebendig werden.

Rolf App
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Glenn Gould: Ein Exzentriker, der ständig fror.

Glenn Gould: Ein Exzentriker, der ständig fror.

Es hätte ein Gipfeltreffen der besonderen Art werden sollen zwischen dem jungen kanadischen Pianisten Glenn Gould und der berühmten Sängerin Elisabeth Schwarzkopf. Sie wollten Lieder von Richard Strauss einspielen, für den Gould eine besondere Verehrung hegte. Doch nach zwei Probentagen endet das Ganze in einem Desaster – das jetzt, zum 80. Geburtstag des 1982 kurz nach seinem 50. Geburtstag verstorbenen Ausnahmekünstlers Gould, auf zwei CD dokumentiert ist. Auf der ersten CD sind die Lieder zu hören, unter ihnen drei erstmals veröffentlichte. Ausserdem eine Einspielung von Richard Strauss' Burleske für Klavier und Orchester – und, ein besonderer Leckerbissen, der Mitschnitt einer Probe, auf der Gould den Klavierpart spielt und den Orchesterpart auf mehr schaurige denn schöne Art mitsingt.

Zusammenstoss zweier Künstler

Die zweite CD zeichnet in einem vom Gould-Biographen Michael Stegemann erarbeiteten «Dokudrama» das Zusammenkommen und den Zusammenstoss der zwei Künstler nach. Besonders aufschlussreich sind die Wiedergaben der Takes – das sind die verschiedenen Aufnahmen desselben Stücks. Man hört Gould experimentieren, während Elisabeth Schwarzkopf mehr und mehr angestrengt tönt.

Bis nach dem zweiten Tag ihr Mann und Produzent Walter Lege auf Deutsch den entscheidenden Satz sagt: «Ich glaube, du sollst aufhören, mein Schatz. Du wirst dir nur schaden.»

Das Desaster hat schon damit angefangen, dass das Studio unglaublich überheizt ist. Gould braucht die hohe Temperatur ebenso wie seine Mappe voller Medikamente, doch Elisabeth Schwarzkopf bekommt davon einen trockenen Hals. Immer wieder muss sie husten. Gould ist freundlich, aber in sich gekehrt. Er weigert sich, in den Pausen die Bänder abzuhören, lieber spielt er weiter. Wie bei ihm üblich, benutzt Gould den Notentext nur als Ausgangspunkt für seine sehr freie Interpretation, während Elisabeth Schwarzkopf grossen Wert darauf legt, notengetreu zu singen. «Er erfand einfach neue Noten hinzu», sagt sie später.

«So frei wie möglich»

Was Elisabeth Schwarzkopf und ihren Mann schockiert, ist für Goulds Produzenten Paul Myers nichts Ungewöhnliches. «Im Studio ging Glenn an ein Werk so frei von einem vorgefassten Konzept wie irgend möglich heran», berichtet er später. «Jeder neue Take war gewissermassen ein Interpretationsexperiment.» Die Aufnahmecrew ist fasziniert von der Vielfalt, die da unter Goulds Händen entsteht.

Angst vor Körperlichkeit

Vieles spricht dafür, dass dieser Mensch, für den es nur das Klavier gab und der seine Platten vorzugsweise nachts einspielte, ein Autist war; Stegemann attestiert ihm «eine fast paranoide Angst vor jeder Körperlichkeit». Die Mutter ist seine erste Klavierlehrerin. Sie ermutigt ihn auch zum Mitsingen.

Gould bezeichnete sich als den «letzten Puritaner»; er meidet Komponisten, die allzu effekt- und lustvoll für sein Instrument geschrieben haben – und stürzt sich stattdessen auf Bach. Musik ist für ihn etwas Körperloses, eine Sache des Kopfes, nicht der Sinne.

Erstaunlich bleibt, wie sehr Gould mit dieser gänzlich unromantischen Haltung, mit seinem glasklaren und gestochen scharfen Spiel dennoch die Sinne anzuregen vermag. Ein Eindruck bietet eine Jubiläumsedition von 2 CD mit einem reich bebilderten Buch von Michael Stegemann.

Was bleibt?

Bach füllt die erste CD, jede Interpretation lässt uns anders hineinhören in diesen ganz eigenen Kosmos. Die zweite, den andern Komponisten gewidmete CD enthüllt Goulds eigenwilligen Geschmack. Manches klingt wunderbar fragil. Vielleicht ist es dies, was die Menschen bis heute in ihrer Seele anzurühren vermag. Und was von Glenn Gould bleibt.

Glenn Gould: Die Schwarzkopf-Bänder, 2 CD, Sony LCO 6868 Glenn Gould – Musik & Leben eines Genies, 2 CD, Sony 88725449652 Ausserdem gibt es den kompletten Bach von Gould in einer Limited Edition, mit 38 und 6 DVDs, Sony 88691961142.