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Der erste Superkurator

Harald Szeemann lebte und arbeitete leidenschaftlich. Die Ausstellungen des Berners sind heute ein Mythos, damals waren sie ebenso hochgelobt wie heiss umstritten. Eine sehenswerte Schau zeigt dies auf.
Christina Genova

Julie Szeemann ist über den Lebenswandel ihres Sohnes alles andere als angetan: «Ich war am Samstag sehr traurig (…) zu sehen, dass du einfach in gewissen Dingen keinen Willen aufbringst, dich im Wisky trinken und Rauchen zu enthalten», schreibt sie ihm im April 1968.

Der Brief ist in der Ausstellung «Museum der Obsessionen» in der Kunsthalle Bern zu lesen. Sie ist jenem Mann gewidmet, der als einer der ­einflussreichsten Ausstellungsmacher des 20. Jahrhunderts gilt, der den Beruf des Kurators erfand. Damit setzte er eine Entwicklung in Gang, die dazu führte, dass Kuratoren heute Galeristen und erst recht Kunstkritiker an Einfluss übertreffen.

300 Kofferanhänger als Sinnbild für den rastlos reisenden Kurator

Die Ausstellung ist Resultat von sieben Jahren Arbeit: 2011 erwarb das Getty Research Institute in Los Angeles (GRI) den Nachlass des 2005 verstorbenen Kurators und passionierten Sammlers. ­Einen Kilometer Archivmaterial transportierte man von Szeemanns abgelegenem Arbeitsort, der Fabbrica Rosa im Tessin, in die USA und arbeitete es auf.

Die Ausstellung nähert sich dem Phänomen Szeemann auf vielfältige Weise in Form von vier Themenfeldern an – Avantgarden, Utopien, Visionäre und Geografien. Szeemanns wichtigste Ausstellungen sind in Form von Archi­valien und einzelnen Werken präsent, Zeitzeugen und Weg­gefährten kommen in Video­dokumentationen zu Wort.

Szeemanns Installation aus rund 300 Kofferanhängern ist Sinnbild für den rastlos reisenden Kurator, der vor allem ab den 1990er-Jahren Ausstellungen auf der ganzen Welt organisierte. Eine umfangreiche Publikation rundet die Ausstellung, die nach Los Angeles auch Station in Düsseldorf, Turin und New York machen wird, ab.

Er schläft unterm Schreibtisch

Harald Szeemann wird die Ratschläge seiner Mutter nicht beherzigen und weiterhin intensiv leben und arbeiten: Für die Ausstellung «Live in Your Head: When Attitudes Become Form», die er ein Jahr nach Mutters Brief in der Kunsthalle Bern eröffnet, arbeitet er nächtelang durch und schläft unter dem Schreibtisch.

Sie ist heute wohl die berühmteste Schau der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und markiert als eine der ersten Ausstellungen, in welcher die Künstler vor Ort eigene Beiträge machten, einen Paradigmenwechsel: Richard Serra verteilte 210 Kilogramm geschmolzenes Blei auf Wänden und Boden; Lawrence Weiner entfernte einen Teil des Wandverputzes.

Und als Michael Heizer den Asphalt vor der Kunst­halle mit einer Abrissbirne zerstörte, bekam auch eine breitere Öffentlichkeit mit, dass in dieser Ausstellung Arbeiten zu sehen waren, die überkommene Vorstellungen eines Kunstwerks über den Haufen warfen.

Ein Misthaufen war es dann auch, den Unbekannte als Kommentar dazu vor der Kunsthalle platzierten.

Die Ausstellung wurde zum Desaster

Nach der «Attitudes»-Ausstellung reichte Harald Szeemann bei der Kunsthalle Bern die Kündigung ein, gründete seine «Agentur für geistige Gastarbeit» und wurde zum freischaffenden Kurator. Bald darauf erhielt er einen der zentralen Aufträge seiner Karriere: 1970 wurde er zum Generalsekretär der Documenta 5 ernannt. «Es war die erste Spektakel-Ausstellung», sagt Glenn Philipps, Co-Kurator der Ausstellung und Leiter der Sammlungen für moderne und zeitgenössische Kunst des GRI.

Klebeband von Harald Szeemanns Agentur für geistige Gastarbeit. (Bild: PD)

Klebeband von Harald Szeemanns Agentur für geistige Gastarbeit. (Bild: PD)

Doch die Ausstellung, heute ­Referenzpunkt für jeden Kurator, wurde für Harald Szeemann zum Desaster: «Alle hassten sie», sagt Philipps. Die Kritik war vernichtend, es kamen nicht so viele ­Besucher wie erwartet. Dies führte zu einem grossen Defizit, für das Harald Szeemann persönlich und finanziell verantwortlich gemacht wurde.

Auch einige Künstler äusserten Kritik: Die Berner Ausstellung zeigt einen Brief von Daniel Buren mit dem Vorwurf, dass Szeemann die Werke der Künstler seiner kuratorischen ­Vision unterordne.

Menschen, die sich nicht als Künstler verstehen

Besonders faszinierten Harald Szeemann Menschen, die sich gar nicht als Künstler verstanden und ausserhalb des etab­lierten Kunstsystems visionäre Weltentwürfe wagten. Er inte­grierte sie immer wieder in seine Ausstellungen.

Emma Kunz etwa, die im ausserrhodischen Waldstatt lebte und mit Hilfe eines Pendels Hunderte von Zeichnungen auf Millimeterpapier anfertigte. Dank Magnetkraft brachte sie Ringelblumen dazu, zwölf Blüten aus einer Blume zu treiben.

Oder Facteur Cheval, der französische Postbote, der im Verlaufe von 32 Jahren Stein für Stein seinen idealen ­Palast baute und 1912 vollendete. In der Ausstellung ist ein Modell davon zu sehen.

Modell des Palasts von Facteur Cheval. (Bild: PD)

Modell des Palasts von Facteur Cheval. (Bild: PD)

An erster Stelle ist jedoch Armand Schulthess zu nennen. Der Tessiner lebte als Einsiedler im Wald. Auf Konservendosen notierte er sein gesammeltes Weltwissen und hängte es in die Bäume.

Carolyn Christov-Bakargiev geht in ihrem Essay in der Publikation zur Ausstellung so weit, Schulthess als «Alter Ego Szeemanns» zu bezeichnen:

«Wie Szeemann war Schulthess ein Visionär, ein Intellektueller und ein grosser Archivar, aber auch das Gegenteil, ein Einsiedler, der ein einsames und bescheidenes Leben im Wald führte.»

Rekonstruierte Ausstellung

«Man muss schon etwas verrückt sein», gibt Glenn Philipps zu. Er hat Harald Szeemanns legendäre Ausstellung «Ein Pionier wie wir» über dessen Grossvater Etienne Szeemann akribisch rekonstruiert. Harald Szeemann hatte sie 1974 in seiner eigenen Wohnung eingerichtet.

Philipps scheute keine Mühen: Die Bewohner von Szeemanns ehemaliger Berner Wohnung hat er in ein Airbnb ausquartiert und fast alle der 1200 Objekte von damals zusammengetragen, vom Dauerwellenapparat, einer Erfindung des Grossvaters, bis zum ausgestopften Chihuahua der Grossmutter.

In der Ausstellung, die heute ziemlich verstaubt wirkt, erzählt Szeemann das Leben des Grossvaters, eines gelernten Coiffeurs: Es geht um Familie, aber auch um übergreifende Themen wie Nation und Identität. «Es war eine kuratorische Fingerübung – ein Prototyp für spätere Ausstellungen», sagt Co-Kurator Philipp Kaiser.

Szeemann sah wohl in seinem Grossvater einen Verwandten im Geiste, der sich ebenso wie er durch kreative Ideen auszeichnete. Die Grossvater-Ausstellung läuft parallel zur Schau in der Berner Kunsthalle.

Ausstellung in der Kunsthalle Bern bis 2.9.; Publikation «Museum der Obsessionen», Scheidegger & Spiess, 416 S., Fr. 75.–

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