Er designt Prothesen aus Kunststoffabfall

Der St.Galler Fabian Engel hat mit einer simplen Idee grossen Erfolg: Aus recyceltem Kunststoff entwickelt er günstige Beinprothesen für Menschen in Entwicklungsländern. Dafür wird er sogar vom Kanton St.Gallen mit einem Werkbeitrag für angewandte Kunst und Design unterstützt.

Nina Rudnicki
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Für die Entwicklung einer Beinprothese aus recyceltem Kunststoff hat Designer Fabian Engel einen Werkbeitrag des Kantons St.Gallen erhalten. (Bild: Urs Bucher/TAGBLATT)

Für die Entwicklung einer Beinprothese aus recyceltem Kunststoff hat Designer Fabian Engel einen Werkbeitrag des Kantons St.Gallen erhalten. (Bild: Urs Bucher/TAGBLATT)

Dass jemand, der an einer neuartigen Beinprothese arbeitet, einen Werkbeitrag des Kantons St.Gallen für angewandte Kunst und Design erhalten hat, mag überraschen. «Erwartet hätte ich das selbst nicht», sagt Fabian Engel bei einem Kaffee in der Nähe des St.Galler Bahnhofs. Vor wenigen Tagen ist der 27-Jährige aus Uganda zurückgekehrt. Dank des Werkbeitrags konnte der St.Galler die Sommerwochen in dem zentralafrikanischen Land verbringen und den Prototypen der Beinprothese vor Ort testen.

Nach der Entwicklungsphase soll die Prothese in den Ländern des globalen Südens zum Einsatz kommen. Das Besondere an der Prothese: Sie besteht aus recyceltem Kunststoff, kann lokal produziert werden und soll nur wenige hundert Franken kosten.

Die Idee für diese Beinprothese entwickelte Fabian Engel mit seinem Studienkollegen Simon Oschwald. Im Rahmen ihrer Bachelor-Arbeit 2018 wollten sie Kunststoffabfälle als Ressource für ein sinnvolles Produkt verwenden.

«In vielen Entwicklungsländern gibt es kein offizielles Recyclingsystem und dadurch eine grosse Abfallproblematik. Gleichzeitig merkten wir während unserer Recherchen, wie gross in diesen Regionen die Nachfrage nach erschwinglichen Prothesen ist», sagt Engel. Das war der Startschuss für das «Project Circleg» – der Name der Beinprothese.

Grosse Nachfrage in Entwicklungsländern

Mittlerweile ist das Circleg-Team auf sechs Personen aus den Bereichen Biomechanik, Kommunikation, NGO-Management und Orthopädietechnik angewachsen. «Jeder Tag beginnt mit einem Kaffee im gemeinsamen Atelier», sagt Engel. Noch ist Circleg ein Verein, der auf die Unterstützung von Stiftungen angewiesen ist. «Unser Ziel ist es allerdings, eines Tages ein selbsttragendes Unternehmen zu sein.»

Verkehrsunfälle, gewalttätige Konflikte und ein schlechtes Gesundheitssystem: Das sind einige Gründe für die grosse Nachfrage nach Beinprothesen in Entwicklungsländern, die Engel aufzählt. In einer ersten Phase wird sich Circleg auf Kenia und Uganda konzentrieren.

In diesen Ländern haben sie bereits ein Netzwerk mit verschiedenen Hilfswerken und NGOs aufgebaut. Über diese sollen die Beinprothesen der Bevölkerung zu einem bezahlbaren Preis zugänglich gemacht werden.

Positive Rückmeldungen

«Die Rückmeldungen sind sehr positiv», sagt Fabian Engel, klappt den Laptop auf und startet ein Video. Zu sehen ist ein Mann aus Uganda, der die Circleg-Prothese testet. Sein Bein verlor er bei einem Autounfall. Erst läuft er vorsichtig, bald trittsicher. An seinen Bewegungen ist kaum zu erkennen, dass er eine Prothese trägt.

«Davor benutzte er einen sogenannten Sach-Fuss, der aus einem Holzkern und einem Gummiüberzug besteht», sagt Engel.

«Unser Fuss funktioniert hingegen wie eine Feder. Jedes Auftreten gibt Energie zurück, was eine extreme Verbesserung ist.»

Die Gelenke funktionieren rein mechanisch. Das unterscheidet sie laut Engel auch von Prothesen mit integrierten Computerchips, wie sie etwa in der Schweiz üblich sind.

Im kommenden Jahr wird das Circleg-Team am Cybathlon teilnehmen. Die ETH Zürich organisiert diesen Wettkampf für verschiedene Mobilitätshilfen. «Dort können wir unser Prothesensystem mit bestehenden Lösungen messen sowie Unterstützung und Aufmerksamkeit für die Weiterentwicklung des Projektes erhalten», sagt Engel.

Ein paar Monate ohne Geldsorgen

Zehnmal 20 000 Franken und viermal 3 Monate Rom: Regierungsrat Martin Klöti hat am Donnerstagabend die diesjährigen Werkbeiträge und die symbolischen Wohnungsschlüssel für die Romaufenthalte überreicht.
Hansruedi Kugler