Literatur
Epos über die Terrororganisation ETA: «Wir sind alle Opfer»

Mit «Patria» hat Fernando Aramburu in 100 Kapiteln den ultimativen Roman über die ETA vorgelegt.

Peter Henning
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Haus in der Stadt Pamplona mit dem Abdruck weisser Hände als Symbol gegen den Terror der ETA – übersprüht mit dem ETA-Symbol.

Haus in der Stadt Pamplona mit dem Abdruck weisser Hände als Symbol gegen den Terror der ETA – übersprüht mit dem ETA-Symbol.

KEYSTONE

Im November 2011 ging der blutige Unabhängigkeitskampf der «Euskadi Ta Askatasuna» – kurz ETA – genannten baskisch-nationalistischen Untergrundorganisation zu Ende.

Was blieb, war eine Bilanz des Schreckens: 4000 Anschläge mit 864 Todesopfern gingen auf das Konto der 1959 als Widerstandsbewegung gegen die Franco-Diktatur gegründeten Separatistengruppe, die fünf Jahrzehnte lang mit Waffengewalt für ein selbstbestimmtes, politisch souveränes und als «Euskal Herria» bezeichnetes freies Baskenland gekämpft hatte. Die Nachwehen des baskischen Befreiungskampfes sind bis heute spürbar – auch und vor allem in der spanischen Literatur.

So veröffentlichte der baskische Lyriker Bernardo Atxaga 2006 seinen viel beachteten Roman «Der Sohn des Akkordeonspielers», in welchem er das Tabuthema des Verrats in der ETA erzählerisch aufgriff. Und das jahrelang inhaftierte Ex-ETA-Mitglied Joseba Sarrionandia machte 2007 das Schicksal baskischer Flüchtlinge zum Thema seines Romans.

Epos auf 760 Seiten

Den bis dato ultimativen Roman über die ETA und deren teuflisches, weil wirkungsmächtiges Hineinreichen in das alltägliche Leben der Basken aber hat 2016 der seit mehr als dreissig Jahren in Deutschland, in Hannover lebende Baske Fernando Aramburu vorgelegt. Jetzt ist sein in Spanien viel beachtetes 760-Seiten-Epos «Patria», zu deutsch «Heimat», in einer lakonischen deutschen Übertragung von Willi Zurbrüggen erschienen.

Und man darf dabei getrost von einem erzählerischen Wurf sprechen. Denn der 1959 in San Sebastian geborene Aramburu, der für sein Buch zuletzt den renommierten Premio National de la Critica erhielt, zoomt sich darin buchstäblich an die Risse und Verwerfungen in den Seelen der beiden Familien heran, die er zum Gegenstand seines aus einhundert Einzelkapiteln montierten Erzähltableaus macht.

Fernando Aramburu «Patria». Roman. Rowohlt-Verlag, Reinbek 2017. 760 Seiten.

Fernando Aramburu «Patria». Roman. Rowohlt-Verlag, Reinbek 2017. 760 Seiten.

HO

Entrollt wird die wechselvolle Geschichte zweier, jahrzehntelang eng miteinander befreundeter baskischer Familien, welche schlagartig zu erbitterten politischen Widersachern werden, als Txato, der eine Fabrik unweit von San Sebastian betreibt, Opfer eines Terroranschlags wird – und seine Frau Bittori glaubt, in der bis anhin befreundeten Miren und deren Mann Joxian Sympathisanten der ETA auszumachen.

Am Grab ihres Mannes sitzend, hat Bittori zwanzig Jahre später, unheilbar an Krebs erkrankt, nur noch den einen Wunsch: Sie will wissen, was damals geschah – und wer für den Tod ihres Mannes verantwortlich ist. Denn als Joxe Mari, Mirens Sohn, sich der ETA anschliesst und gefasst wird, hält Bittori ihn, weil man ihn am Tag des Anschlags in der Nähe gesehen hat, für den Mörder ihres Mannes. Jahrzehntelang meiden sich die einst eng befreundeten Familien strikt – denn die durch ihre Köpfe verlaufenden ideologischen Grenzlinien haben sich zu unüberbrückbaren Gräben geweitet. Aus einstigen Freunden sind erbitterte Feinde geworden. Irgendwann aber bringt Mirens nach einem Schlaganfall gelähmte Tochter Arantxa ihren Vater Joxian dazu, hinter dem Rücken ihrer streng nationalistisch denkenden Mutter wieder Kontakt mit Bittori aufzunehmen. Denn genau darum geht es in Fernando Aramburus unmittelbar an der Lebenswirklichkeit seiner von Krankheiten, Schicksalsschlägen und den blutigen Folgen des Unabhängigkeitskampfes gezeichneten Figuren entlang erzähltem Roman: Um die Frage, ob – über alle erlittenen Schrecken hinweg – eine Aussöhnung mit denen möglich ist, die einst ihre Urheber waren? Für Bittori jedenfalls scheint damit ein erster Schritt getan: «Frage ihn das für mich!», bittet sie Joxian. «Frage Deinen Sohn das nächste Mal, wenn du ihn besuchst, ob er es war, der geschossen hat? Ich muss es wissen, bald, ich habe nicht mehr lange zu leben. Ich werde ihn auch nicht verraten. Und sag ihm, wenn er mich um Verzeihung bittet, vergebe ich ihm.»

Nach der Schlacht

«Patria» liefert das grosse Gemälde nach der Schlacht. Es zeigt vom Krieg Versehrte und spürt ihren zerplatzten Träumen und Illusionen nach, in dem es auch die Frage stellt, was Heimat ist – und wie man eine solche für sich definiert. Darüber mündet Aramburus Roman in die Erkenntnis, «dass wir alle Opfer sind!», wie es Xabier, Bittoris als Arzt arbeitender Sohn am Ende formuliert. Doch Aramburus Roman ist mehr als nur die erschütternde Chronik zahlreicher Verluste. Es ist ein Buch über Familienbande, Freundschaft, Misstrauen und Entzweiung. Darin erinnert er an das vieladrige Romanwerk der Italienerin Elena Ferrante.

Zuletzt meldet sich der Autor mittels eines erzählerischen Kunstgriffs zu Wort. Indem er einen Schriftsteller auftreten lässt, der erklärt, weshalb dieser Roman aus seiner Sicht geschrieben werden musste: «Ich war ein baskischer Junge wie viele andere, die der Propaganda des Terrorismus und der auf ihr basierenden Doktrin ausgesetzt war ... Und so begann ich, gegen Verbrechen zu schreiben, die eine politische Rechtfertigung suchen im Namen eines Vaterlands, in dem eine Handvoll Bewaffnete mit der schändlichen Hilfe eines Teils der Gesellschaft entscheidet, wer zu diesem Vaterland gehört und wer es zu verlassen hat ... Ich wollte Antworten auf konkrete Fragen finden.»

Von der oft verwirrenden Suche nach diesen Antworten und den steinigen Wegen, die seine versehrten Figuren jeweils dabei gehen müssen, erzählt Fernando Aramburus wahrhaft bedeutender Roman.