Kaserne Basel

Entwicklungshilfe für die Schweiz: Ein Theater zeigt, wo es bei uns mehr Taten statt Worte braucht

Im Ruanda sitzen mehr Frauen im Parlament als in der Schweiz. Ein theatraler Faktencheck von Flinn Works in der Kaserne Basel.

Julia Stephan
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«Learning Feminism»: Europa kann in Sachen Gleichberechtigung von Ruanda lernen.

«Learning Feminism»: Europa kann in Sachen Gleichberechtigung von Ruanda lernen.

Alexander Barta

Im Schweizer Nationalrat liegt der Frauenanteil bei 42 Prozent, im Ständerat bei 26. Wer denkt, der Ständerat wäre eine ärgerliche Ausnahme im Schweizer Legislaturapparat, der irrt gewaltig: Auch auf Kantons- und Gemeindeebene besetzen Frauen in der Schweiz höchstens einen guten Viertel aller Posten.

Was für eine Musterschülerin ist dagegen das ostafrikanische Land Ruanda! Hier sind
61 Prozent aller Parlamentssitze weiblich besetzt. Gemäss aktuellen Zahlen der Interparlamentarischen Union führt das Land damit die Weltrangliste der weiblichsten Parlamente an. Zudem haben hier Frauen 14 von 27 Kabinettsposten inne.

Plastiktüten-Verbot: Hat Ruanda schon längst

Als die in Aarau und Berlin lebende deutsche Performerin und Musikerin Lisa Stepf diese Zahlen in einer «Annabelle»-Reportage der Journalistin Barbara Achermann las, kam sie aus dem Staunen nicht mehr heraus: Verkehrsberuhigte Fussgängerzonen in den Innenstädten? Jedes zweite KMU von einer Frau geführt? Plastiktüten-Verbot? Stepf, die Achermanns Expertise schon für ein früheres Theaterprojekt über Leihmutterschaft zurate gezogen hatte, war elektrisiert.

Mit ihrer Schwester Sophia stellt sie das künstlerische Leitungsteam der freien Theatergruppe Flinn Works. Seit Jahren interessiert sich die Gruppe für postkoloniale und feministische Fragestellungen in einer globalisierten Welt. Ihre intensiven Recherchen, die sie mit ortsansässigen Künstlern betreiben, führten sie bis in die Textilindustrie Bangladeschs oder in die ehemalige deutsche Kolonie Tansania, wo eine ihrer Inszenierungen im Parlament eine Debatte über Reparationszahlungsforderungen an die Adresse Deutschlands provozierte.

Ihre Arbeit «Shilpa – The Indian Singer App» über das bizarre Dasein indischer Performerinnen in Bollywood war 2014 ein Highlight am Zürcher Theater Spektakel. Letztes Jahr tourte die Gruppe mit «Fear & Fever» einem Projekt über die Tropenkrankheit Malaria.

Nun also Ruanda. Doch anders als der Schweizer Regisseur Milo Rau, der mit «Hate Radio» den 1994 verübten Genozid an einer Million Tutsi und moderaten Hutu thematisierte, geht es Flinn Works gerade nicht um den Genozid, sondern um den «Fast-Track-Feminismus», den das Land laut Lisa Stepf beispiellos lebt.

Frauen bauten das Land nach dem Genozid auf

Ganz ausklammern kann die Inszenierung den Genozid allerdings nicht. Dass nach dessen Verübung 70 Prozent der Bevölkerung weiblich war, hat die weibliche Selbstermächtigung, so makaber es klingen mag, ja gerade erst ermöglicht. Wie auf den Weltkriegstrümmerfeldern Europas wurde die Frau in Ruanda zum Wirtschaftsfaktor.

Der autoritär regierende Präsident Paul Kagame hat das erkannt. 2001 führte er in der Politik eine Frauenquote ein, die den Vorsprung der Frau weiter ausbaute. Dass ein hoher Frauenanteil in der Politik das Land nicht automatisch demokratischer macht, steht auf einem anderen Blatt, das nicht im Zentrum dieser Inszenierung steht.

Zusammen mit Performerinnen und Performern aus Ruanda, die coronabedingt live zugeschaltet werden, will das Stück vielmehr den oft Gleichberechtigung fordernden, aber diesen Forderungen selten Taten folgen lassenden Ländern Europas Nachhilfeunterricht geben.

«Learning Feminism From Rwanda»

Freitag, 13. und Samstag, 14. November, jeweils 20 Uhr, www.kaserne-basel.ch

Gleichberechtigung in Kunst und Kultur

Mit dem Schwerpunkt «Unordnungen» setzt die Kaserne eine Reihe von Veranstaltungen fort, die das Profil des Hauses zurzeit prägen. Unter dem künstlerischen Leiter Sandro Lunin fördert die Kaserne Basel seit 2018 die Diversität von Künstlerinnen und Künstlern in Bezug auf Geschlecht, kulturelle, soziale Herkunft oder Alter.

Ein Augenmerk wird dabei auf die Förderung von Frauen, Trans- und Intersexuellen sowie non-binären Personen in ihrem künstlerischen Schaffen gesetzt. Ziel ist die Sensibilisierung der Öffentlichkeit auf die Gleichberechtigung in Kunst und Kultur. Dafür wird das lokale Basler Musik-, Theater- und Tanzschaffen mit interkontinentalen Kollaborationen und mit einem globalen urbanen Diskurs verknüpft.

Kooperationen mit dem Zentrum Gender Studies und dem Zentrum für Afrikastudien der Universität Basel haben unter anderem in den Eröffnungsschwerpunkten «Kaserne Globâle» und «Telling Stories» sowie mit «Lust am Widerspruch», einem Schwerpunkt zu Genderfluidität, stattgefunden. Mit dem heute startenden Schwerpunkt «Unordnungen» schliesst die Kaserne an aktuelle Studien über Geschlechterverhältnisse im Schweizer Kulturbetrieb an, welche von RFV Basel, Helvetia Rockt und dem Zentrum Gender Studies der Universität Basel geführt werden. Das dazu geplante Podium wurde aufgrund der Pandemie auf das Frühjahr 2021 verschoben.

Neben «Learning Feminism from Rwanda» (siehe Haupttext) sind ab Freitag, 13. November, bis Donnerstag, 26. November, folgende Produktionen und Konzerte in der Kaserne zu Gast: «Emergencies» von Marilú Mapengo, Námoda & Teresa Vittucci, «Wanaset Yodit» von Laila Soliman, «Playback» von Joana Tischkau, «Khonnar» von Deena Abdelwahed und das Podium «Kin-Shiping – Künstlerische Praxis als Beziehungsspinnerei». Das Roxy Birsfelden zeigt innerhalb des Schwerpunkts die neue Theaterproduktion des deutschen Kollektivs Henrike Iglesias sowie die Performance «Black Off» von Ntando Cele. (bal)