Enge Räume und Un-Orte

Der Kunstverein Frauenfeld zeigt im «Bernerhaus» Werke des Künstlerpaars Renate Bodmer und Bendicht Fivian. Die beiden haben mehr gemeinsam, als es auf den ersten Blick scheint.

Christina Peege
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Kunstverein Frauenfeld: Zeichnungen von Renate Bodmer und Malerei von Bendicht Fivian. (Bild: Reto Martin)

Kunstverein Frauenfeld: Zeichnungen von Renate Bodmer und Malerei von Bendicht Fivian. (Bild: Reto Martin)

Durchs Leben gehen sie als Paar, künstlerisch scheinen sie eigene Wege zu gehen. Bendicht Fivian (geboren 1940 in Bern) und Renate Bodmer (1939 in Zofingen geboren) haben sich beide in unterschiedlichen Bereichen einen Namen gemacht. Bodmer ist in erster Linie Zeichnerin, Fivian ist Maler. Sie stellt sich in Frauenfeld mit Werken vor, die vor mehreren Jahren entstanden sind; seine Gemälde sind für die Ausstellung eben trocken geworden.

Renate Bodmer zeichnet auf meist grossen Formaten Begebenheiten aus ihrer Jugend. Oft sind dies beklemmende Situationen, ein Kleinkind, das sich an arglose Vögel am Wasserbecken anzuschleichen scheint – keine heitere Szene, denn die Perspektive lässt den Raum einstürzen. Eine Lehrerin, die eine Schülerin schlägt; ein Mädchen, das ein jüngeres hinterrücks an den Haaren zieht; ein Selbstporträt der Künstlerin, auf dem sie sich einen Karton vor das Gesicht hält. Alle Szenen spielen in äusserst engen Räumen.

Räumliche Wirkung und verdichtete Realität

Inhaltlich scheint sich die Künstlerin mit den beengenden gesellschaftlichen und familiären Verhältnissen ihrer Jugendzeit auseinanderzusetzen. Die Kohle- und Graphitzeichnungen entwickeln aber auch ein ästhetisches Eigenleben, denn sie entfalten eine räumliche Wirkung. Bodmer modelliert Gegenstände und Figuren mit verdichtet gesetzten oder locker gezogenen Strichen, mit Nuancen von Grau und Schwarz. Jenseits des «ganz alltäglichen Wahnsinns», wie ein Kunstkritiker die Stimmung dieser Bilder einmal auf den Punkt gebracht hat, faszinieren die Spiele mit zeichnerisch modellierten Volumen und vibrierenden Flächen. Zeichnung ist hier immer auch Transformation.

Bendicht Fivian lässt zunächst einfach sein Auge schweifen, ohne seine Umgebung zu bewerten. Ein Lichtreflex der Sonne auf dem Wasser oder hellgelb aufleuchtende Farbe von Pflanzen nach einem Sommerregen kann sein Auge fesseln. Oder die Spiegelungen auf Wasserpfützen, die Licht- und Linienspiele von Un-Orten wie Unterführungen oder diese Leerräume unter Autobrücken, die über Flüsse führen. Fast alle seine Bilder sind an Orten entstanden, wo wir allenfalls mit eingezogenem Kopf raschen Schrittes hindurchgehen würden. Das gilt für seine jüngsten Bilder mit den «Glungge», wie er in schönem Berner Dialekt sagt (obwohl er seit 1975 in Winterthur lebt).

Wie er seine Motive findet? Das, sagt er auf einem Rundgang mit seiner Partnerin durch die Galerie, wisse er nicht genau. «Apprendre par cœur» nennt er seine Methode der Bildfindung. Das ist alles andere als «Auswendiglernen», es ist eine vertiefte Auseinandersetzung, die ganz dem visuellen Eindruck vertraut. Bendicht Vivian geht von einem Ort oder Objekt aus und löst es auf der Leinwand in seine Farbwerte auf. Die Gegenständlichkeit gibt er nicht preis, denn sie erlaubt es ihm, Räumlichkeit in die Farbtöne zu bringen. Brücken, Autos, angehäufter Schlamm: Sie gerinnen auf der Leinwand zu Farbmomenten, zu schlichten, ausdrucksstarken Formen. Fivians Bilder sind verdichtete Realität der Farbe und gesteigerte Präsenz des Raumes. Malerei ist ein Prozess der Verwandlung.

Die Geheimnisse der sichtbaren Welt

Fivian und Bodmer lehnen es ab, dass man etwas in ihre Bilder «hineingeheimnisst». Pseudointellektuelle Überhöhungen ihrer Bilder sind beiden ein Greuel. Sie malen beide strikt, was sie sehen oder gesehen haben. Sie trauen ihren Augen, manchmal auch nur so mal zum Spass und weil sie überzeugt sind, dass bereits die reale Welt voller Geheimnisse ist, da braucht man keine Ideologien oder Philosophien mehr draufzupfropfen. Wer dem Auge traut, schaut und erkennt den sinnlichen Reichtum der Welt. Das ist vielleicht ihre schönste künstlerische Gemeinsamkeit: Sie vertrauen auf das Auge als Werkzeug der Erkenntnis.

Sa 10–12 und 14–17, So 14–17 Uhr, «Bernerhaus», Bankplatz 5, Frauenfeld; bis 11.12.