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Endzeitstimmung in der Ukraine

Wie leben die Menschen in den belagerten Städten und Dörfern der Ostukraine, die seit 2014 unter kriegerischer Belagerung leben? Serhij Zhadan erzählt es in seinem Buch «Internat».
Erika Achermann

Der 35-jährige Pascha ist Lehrer in einer Bergarbeitersiedlung im Donbass. Er unterrichtet auf Ukrainisch. Damit ist er im von Separatisten belagerten Territorium auf der falschen Seite, als diese 2014 nach dem Sieg des Majdan in Kiew mit russischer Unterstützung die Ostukraine besetzen.

Aber um die Politik und Geschichte seines Landes hat sich Pascha bis anhin nicht gekümmert. Nun ist er desorientiert. Auch als die ersten russischen Soldaten in den Strassen auftauchen, weiss er zunächst nicht, auf welcher Seite er stehen soll, obwohl bereits Waggons mit Flüchtenden den Bahnhof verlassen. Pascha weiss nur, dass er seinen 13-jährigen Neffen Sascha aus dem Internat in der nächsten umkämpften Stadt herausholen muss.

Die Angst läuft mit

Pascha irrt durch eine zerstörte Landschaft. Nichts ist wiederzuerkennen. Die Gespräche, die sich aus zufälligen Begegnungen ergeben, orientieren über die Situation im Land. Serhij Zhadan beschreibt die Ödnis der Landschaft beklemmend poetisch. Farben sind daraus entwichen. Das Internatsgebäude, in dem er seinen Neffen Sascha findet, ist gespenstisch leer, denn die andern Schüler sind längst mit ihren Eltern geflohen oder die Eltern wurden umgebracht. Sascha erkennt nach dieser Erfahrung die Situation besser als sein Onkel. Auf dem Rückweg übernimmt er die Führung, obwohl er körperlich schwach ist und teilweise von Pascha getragen werden muss. Will Zhadan damit Hoffnung wecken, dass die jüngste Generation, die ohne Erfahrungen der Sowjetunion aufgewachsen ist, eine neue Ukraine schaffen wird? Doch kann man in dieser zerstörten Landschaft erkennen, wer Feind, wer Freund ist? Die Angst läuft mit. Der Hunger ebenfalls.

Serhij Zhadan wurde 1974 im Gebiet Luhansk geboren. Er lebt in Charkiw und hat das Kriegsgeschehen aus der Nähe miterlebt. Zhadan hat immer die schwierige Ablösung der Ukraine von der sowjetisch-russischen Herrschaft beschäftigt. Die Lenin-Denkmäler seien zwar gefallen, schreibt er in einem Kommentar in der NZZ, aber «an ihre Stelle ist eine Leere getreten, die auf die eine oder andere Weise gefüllt werden muss. Womit, ist eine interessante und offene Frage». In seinem Roman «Institut» hat er einen Weg gezeigt: es ist die Menschlichkeit und der Versuch, eine gemeinsame Sprache zu finden, sei es nun Russisch oder Ukrainisch: ein schwieriges Unterfangen. Unaufgeregt und deshalb umso eindringlicher zeigt Zhadan die beiden jungen Ukrainer Pascha und Sascha auf ihrem Weg nach Hause. Mit «Depeche Mode» und «Die Erfindung des Jazz im Donbass», das die BBC 2012 zum «Buch des Jahrzehnts» gekürt hat, wurde Zhadan zum wichtigsten Autor der postsowjetischen Umbruchzeit. Ebenso wurden Sabine Stöhr und Juri Durkot für «Internat» mit dem Leipziger Buchpreis für Übersetzungen ausgezeichnet.

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