Ende schlecht, alles schlecht

Ferdinand von Schirach bescherte einst tiefe Einblicke in Gerichtsfälle. Der neue Roman «Tabu» aber vermag nicht mehr zu fesseln. Leider.

Roland Mischke
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Sebastian von Eschburg will Künstler sein. Weil er als Fotokünstler wenig Fortune entwickelt, begeht er ein Verbrechen, das einer Kunstaktion ähnlich ist. Deshalb gerät er in die Hände der Polizei und der Justiz, der Bösen und der Guten. Bei den einen droht Folter, weil der vermutliche Täter nicht das Versteck seines mutmasslichen Opfers preisgibt – eine Anspielung auf die Entführung des Frankfurter Bankierssohns Magnus Gäfgen, in dessen Verlauf der damalige Vize-Polizeipräsident Wolfgang Daschner zu diesem Mittel griff. Von den anderen kommt Rettung, aber sie erscheint fade, lustlos, gelangweilt. Langeweile breitet sich auch in «Tabu» von Ferdinand von Schirach aus, dessen Handlung nicht zu fesseln vermag.

Von Schirach, 49, Strafrechtsverteidiger in Berlin in vielen schwierigen Fällen und mit enormer Menschenkenntnis, hat in seinen Erzählbänden «Verbrechen» und «Schuld» Einblick in aussergewöhnliche Kriminalfälle gewährt. Es gab oft den Moment, in dem ein Leben kippte – laut Hemingway Voraussetzung einer guten Kurzgeschichte. Die menschlichen Schicksale, von Opfern wie Tätern, berührten.

Das grosse Thema Schuld

Auch in diesem Roman geht es um das grosse Thema Schuld, wieder beeindruckt der Autor mit knappen, klaren Sätzen – Beschreibungen, die Leser sofort ins Bild setzen. Dazwischen wird aber hemmungslos schwadroniert. Es tauchen Figuren auf, wie Eschburgs Verteidiger, die blutleer und klischeehaft wirken. Überdies ist der Roman mit Juristerei und pseudophilosophischem Geschwafel überfrachtet. Bösartigkeit und seelisches Dunkel, eingekleidet in den Begriff Tabu, den von Schirach sich von Sigmund Freud ausgeborgt hat, werden verworren beschrieben. Der verkrampfte Psychologismus missfällt. «Jeden Morgen stehen wir auf, wir leben unser Leben, all die Kleinigkeiten, das Arbeiten, die Hoffnung, der Sex. Wir glauben, was wir tun, sei wichtig und wir würden etwas bedeuten», kreist es unter Eschburgs Schädeldecke. Und so weiter.

Dabei ist die Hauptfigur schlüssig aufbereitet. Der blaublütige Sebastian von Eschburg ist einer neurotisch durchdrungenen, sozial erodierenden Familie entwichen. Sein Vater hat sich erschossen, die Mutter liebt nur ihre Reitpferde, Eschburgs Kindheit hinterliess ein Trauma. Der seltsame Held blickt fremd in die Welt, ist ein Aussenseiter. Er lernt Fotografie bei einem berühmten Schwarz-Weiss-Lichtbildner, versucht sich mit Akten und Porträts und erlangt mit seiner pornographischen Serie «Majas Männer» eine Beliebtheit, die ihn verschreckt.

Finstere Kopfwelt

Denn es ist still in Eschburg, in seiner Entwicklungsgeschichte gelingt kein Durchbruch: Eschburg steht fest in seiner finsteren Kopfwelt, in seinen Obsessionen, die sich um die Objekthaftigkeit von Körpern winden. Auf der letzten Seite und nach vielen Seiten Fakten und Fiktion, die einen Thriller suggerieren sollen, breitet sich Unzufriedenheit aus. Ende schlecht, alles schlecht.

Ferdinand von Schirach: Tabu, Piper 2013, 253 S., Fr. 27.90

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