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Ende Feuer mit der öden Realität

Der Schriftsteller Hermann Burger war eine der schillerndsten Figuren der Schweizer Literatur. 46 Jahre nach Entstehen ist nun posthum sein Erstlingsroman erschienen. Ein irrwitziger Lesegenuss.
Beda Hanimann
Sommer 1970: Hermann Burger arbeitet im Tessin an seinem «Lokalbericht». (Bild: Anne Marie Carrel)

Sommer 1970: Hermann Burger arbeitet im Tessin an seinem «Lokalbericht». (Bild: Anne Marie Carrel)

Das Angebot ist nicht gerade alltäglich. Günter Frischknecht, Held und Erzähler in Hermann Burgers Roman «Lokalbericht», schlägt der Seminaristin Evelyn Kaiser vor, eine Figur in seinem gerade entstehenden Roman zu werden. «Die Arbeit ist leicht, du brauchst nur vorzukommen», sagt er, und er lockt mit dem Versprechen: «Ende Feuer mit der öden Wirklichkeit. Tritt ein in das Reich der Möglichkeiten.»

Doch aus der Sache wird nichts, denn die junge Frau traut sich die Rolle nicht zu, wie sie ihm mitteilt. Sie entzieht sich der Dichtung, so formuliert es Frischknecht, und will Wahrheit bleiben. Er akzeptiert die Absage enttäuscht und beendet das Kapitel mit dem Satz: «Diese Figur ist mir wortwörtlich missraten.»

Die Art und Weise, wie hier das Entstehen eines Romans in die Romanhandlung einbezogen wird, zeugt von Originalität und grosser erzählerischer Meisterschaft. Das ist umso erstaunlicher, als es sich beim «Lokalbericht» um einen Erstlingsroman handelt. Hermann Burger ist 28jährig, als er sich im Sommer 1970 an den «Lokalbericht» macht. Gerade ist der Erzählband «Bork» fertiggestellt, drei Jahre zuvor ist der Gedichtband «Rauchsignale» erschienen.

Erstling als Buch und digitale Edition

Der Erstling bleibt vorerst allerdings unpubliziert liegen. Burger macht sein Doktorat in Germanistik und setzt sich an einen neuen Roman, der 1976 unter dem Titel «Schilten» erscheint und den Aargauer schlagartig zu einer neuen Marke in der Schweizer Literatur macht. Mit ungestümer Sprachlust schreibt er trotz bald auftretender Depressionen weiter, ein Solitär, keiner literarischen Strömung oder Schule zuzuordnen. Es entstehen Erzählbände wie «Diabelli» oder «Der Schuss auf die Kanzel», Romane wie «Die künstliche Mutter» und «Brenner». Dieser bleibt Fragment, im Februar 1989 setzt Burger seinem Leben ein Ende. Doch da gilt er schon längst als einer der bedeutendsten und eigenwilligsten Schweizer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

Nun ist der eigentliche Erstling endlich der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden, gleichzeitig in Buchform wie in einer digitalen Edition mit Textvarianten. Herausgeber Simon Zumsteg, der schon die vorzügliche Werkausgabe vor zwei Jahren verantwortet hat, schreibt im Nachwort von einem Rohdiamanten, in dem sich Burger erstmals an jene unverwechselbare Poetik herantaste, die seit «Schilten» zu seinem Markenzeichen geworden sei. Man muss ihm beipflichten: Dieser «Lokalbericht» ist ein literarisches Ereignis.

Mittel- und Angelpunkt des Romans ist Günter Frischknecht, Doktorand, Hilfslehrer und angehender Schriftsteller, der berichtet, wie er sich an die Abfassung einer Geschichte über den Kleinstadt-Kosmos seiner Heimatstadt Aarau macht. Das Buch trieft von Lokalkolorit, es orientiert sich in seinem Erzählgestus an der «Blechtrommel» des verehrten Günter Grass. Schon der Name der Hauptfigur ist mit dem Verweis auf Günter Grass, Max Frisch und die Figur des Ludi Josef Knecht in Hermann Hesses «Glasperlenspiel» eine dreifache literarische Anspielung.

Realität und Fiktion – und was dazwischen ist

Damit ist auch das eigentliche Thema gegeben: «Lokalbericht» ist ein irrwitziger Roman über die Literatur, den Literaturbetrieb, über das Funktionieren von Sprache auch. In einem grandiosen Reigen lässt Burger einen Buchhändler auftreten, der alles daran setzt, seine Bücher nicht hergeben zu müssen, er berichtet von einer Organisation, die den Menschen das Bücherlesen abnimmt, und vom beneideten Lokalredaktor, in dessen Schreibmaschine durch blosses Berichten der Universalroman entsteht, «von dem jeder Schriftsteller träumt».

In meisterhaftem Wechsel von Perspektive, Erzählebene und Sprachduktus kreist Burger schon im Erstling um das Thema, das sein späteres Schaffen prägen wird: Die Polarität von Realität und Fiktion – und vor allem die Frage, was dazwischen geschieht. Die Literatur, schreibt er, sei «das Land der Illusion, die dadurch, dass sie sich als Illusion erkennt, wirklicher ist als jede handfeste Wirklichkeit».

Über die Gründe, warum «Lokalbericht» damals nicht erschienen ist, kann laut Zumsteg nur fundiert spekuliert werden. Nun denn: Vielleicht hat Burger geahnt, dass er schon im Erstling zu viele seiner zentralen Themen zu meisterhaft behandelt hat. Was wäre ihm da mit seinen 28 Jahren nachher noch geblieben?

Hermann Burger: Lokalbericht, Edition Voldemeer 2016, 314 S., Fr. 42.90 Digitale Edition: www.lokalbericht.ch

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