Neue Verfilmung von Emma: In alten Kostümen, aber so heutig wie die Welt einer Influencerin

Autumn de Wildes Neuverfilmung des Romans «Emma» von Jane Austen ist eine verschmitzt und unverhofft moderne Adaption. Und visuell ein Ereignis.

Irene Genhart
Merken
Drucken
Teilen
Anya Taylor-Joy spielt eine neckische und herzige Emma und streitet gern mit Mr. Kightley (Johnny Flynn).

Anya Taylor-Joy spielt eine neckische und herzige Emma und streitet gern mit Mr. Kightley (Johnny Flynn).

Liam Daniel,Focus Features

«Emma.»: Eben Emma mit einem Punkt dahinter, obwohl dieser da und dort vergessen geht. Dabei ist dieser Punkt wichtig. Weil er die Unterscheidung herbeiführt zu früheren Emma-Verfilmungen, die ohne ihn daherkommen. Und weil er zugleich auf die heutige Zeit verweist. Auf die ausgehenden 2010er- und beginnenden 2020er-Jahre, die – man werfe nur einen Blick in die Instagram-Accounts diverser Influencerinnen – sich bildlich gern frivol geben, aber sexuell alles andere als freizügig sind.

«Emma.», das Regiedébut der Amerikanerin Autumn de Wilde, ist grossartig unverkrampft. Bildlich – Kostüme! Dekor! Landschaft! – ein Hochgenuss und maximal unterhaltsam. Ein als Gesellschaftskomödie getarnter Erziehungsroman, der die Verwandlung einer arroganten Bitch zu einer selbstbewussten und umsichtigen Braut schildert.

Hübsch, klug, reich – und dadurch frei

Emma Woodhouse, – sie wird mit grossen Augen, herzförmigem Mund, neckischen Löckchen von Anya Taylor-Joy («Glass») gespielt – ist, wie in Jane Austens Roman und de Wildes Film heisst, «hübsch, klug und reich». Eine junge Frau mit etlicher Begabung. Obwohl fast 21-jährig, hat sie noch nie wirklich Schweres oder Beunruhigendes gesehen. «Emma.» spielt Anfang des 19. Jahrhunderts im fiktiven Highbury unweit von London.

Emma wohnt im Haus ihres Vaters und ist gelangweilt, sodass sie sich zum Zeitvertreib als Ehestifterin betätigt. Oder sich als solche zu betätigen einbildet. Das ist zumindest die Einschätzung von George Knightley (Johnny Flynn), dem Bruder ihres Schwagers, der Emmas bester Freund ist und zwischendurch hemmungslos mit ihr streitet. Emmas Vater, als vermeintlicher Hypochonder dezent gespielt von Bill Nighy («The Bookshop»), bittet seine Tochter, das Verkuppeln doch sein zu lassen und erhält von ihr die Zusage, dass sie zumindest sich selber keine Ehe stiften werde. Mit seinem Erbe wird Emma sich die Ehelosigkeit zeitlebens leisten können; eine Freiheit, die damals nicht jeder Frau gegeben war.

Da Emma, obwohl verwöhnt und verzogen, irgendwie doch ein gutes Herz hat, nimmt sie die verwaiste Harriet Smith (Mia Goth) unter ihre Fittiche. Macht sie zu ihrer Freundin und verhindert, weil sie diese lieber an der Seite des Dorfvikars (Josh O’Connor) sähe, Harriets Ehe mit dem Bauer Robert Martin (Connor Swindells). Spätestens als Emma Martin vor Harriet hochnäsig niedermacht, ist sie in de Wildes Film alles andere als die liebenswürdige Protagonistin, als die sie Jane Austen bei Erscheinen des Romans 1815 ankündigte.

Der Roman gilt als Austens Meisterwerk und ist noch heute beliebt. Er wurde seit 1948 verschiedentlich fürs Fernsehen adaptiert, seit Mitte der 1990ern mindestens viermal fürs Kino. Es gab 2010 unter dem Titel «Aisha» eine neckische Bollywood-Verfilmung. Unter Fans gilt Douglas McGraths Verfilmung von 1995 mit Gwyneth Paltrow in der Titelrolle als Highlight. Das dürfte sich nun ändern.

Der Klassiker: McGraths Verfilmung von 1995 mit Gwyneth Paltrow und Jeremy Northam.

Der Klassiker: McGraths Verfilmung von 1995 mit Gwyneth Paltrow und Jeremy Northam.

Miramax

Technisch und gesellschaftlich im Heute

Mit den Verfilmungen literarischer Stoffe verhält es sich wie mit der Mode: Jede Epoche, jede Gesellschaft entwickelt die zu ihr passende Version. Das begründet sich zum einen im Technischen; auch wenn von Liebhabern des Analogen oft verknurrt, eröffnen digitale Filmtechniken gestalterisch grosse Freiheiten. Es liegt zum andern in den sich permanent ändernden gesellschaftlichen Gepflogenheiten: Aus heutiger Sicht wirkt McGraths «Emma» irgendwie altbacken.

Autumn de Wilde, von Beruf Fotografin und bekannt für ihre Videos und Musik-Dokus, hat «Emma.» visuell virtuell inszeniert. Die Kostüme sind originell und opulent, die Kulissen detailverliebt prunkvoll, die Landschaftsaufnahmen zum Staunen prächtig. Durchdacht ist das Farbkonzept, das Harriet und ihre Kameradinnen aus dem Waisenhaus wiederholt in knallroten Capes im Gänsemarsch durchs Bild schickt. Musikalisch spannt «Emma.» den Bogen von Choralmusik bis zur irischen Folklore auf höchstem Niveau.

Was «Emma.» am meisten auszeichnet, ist de Wildes Interpretation von Austens Text. Die aus weiblicher Sicht erzählte, verschmitzte Geschichte zeigt, dass unter Kostümen und hinter starren gesellschaftlichen Normen Menschen stecken, die ihren Allerwertesten gern auch mal nackt Richtung Cheminée strecken. Und dass ein in vielen Kostümfilmen als starres Ritual gezeigter Tanzabend ebenso gut ein geselliger Anlass sein konnte, bei dem in der (flüchtigen) gegenseitigen Berührung ein Moment der Erregung lag.

«Emma.» (GB, 125 Min) Aktuell im Kino.