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Emil Nolde und die Rosenwangen

Später wird Emil Nolde ein berühmter Maler werden. Doch als er zwischen 1892 und 1897 in St. Gallen unterrichtet, ist er ein unbeschriebenes Blatt. Und eingeschüchtert von der «Blütenschönheit» seiner Schülerinnen.
Rolf App
Unablässig ist Emil Nolde zeichnend und malend unterwegs. So malt er 1893 den Gallusplatz in St. Gallen. (Bilder aus: Manfred Reuther/Karin Schick (Hg.): Emil Nolde und die Schweiz)

Unablässig ist Emil Nolde zeichnend und malend unterwegs. So malt er 1893 den Gallusplatz in St. Gallen. (Bilder aus: Manfred Reuther/Karin Schick (Hg.): Emil Nolde und die Schweiz)

Es ist barer Zufall, dass Emil Hansen das Stellenangebot aus St. Gallen überhaupt sieht. Er lebt in Berlin, pendelt aber immer wieder aufs flache Land, nach Schleswig-Holstein, wo die bäuerlichen Wurzeln seiner Familie liegen. Die Vorfahren mütterlicherseits bewirtschaften seit neun Generationen einen Bauernhof im kleinen Dorf Nolde – nach dem sich Emil Hansen später, als Künstler, Emil Nolde nennen wird.

Schnitzer statt Schlachter

Das ist noch weit weg. Der Vater hofft immer noch, dass sein Sohn einmal den Hof übernimmt. Der allerdings hat schon immer wie wild gemalt und gezeichnet. So willigt der Vater denn doch ein, dass der Sohn nicht Schlachter oder Tischler lernt, sondern das Schnitzerhandwerk. So kommt er zuerst nach Flensburg, dann nach Berlin an die Kunstgewerbeschule. Wohl fühlt er sich nicht in seiner Orientierungslosigkeit. «Alles im Leben erschien mir öd», schreibt Nolde viel später in seiner Autobiographie. Und: «Ich war stumpf und dumpf bis zur Verzweiflung.»

Die leuchtenden Schneeberge

Er arbeitet in einer Möbelfabrik, der Arzt spricht von Lungenschwindsucht – da entdeckt er am Schwarzen Brett des Berliner Kunstgewerbemuseums die Ausschreibung einer Lehrerstelle am Industrie- und Gewerbemuseum St. Gallen. Ohne grosse Hoffnung bewirbt er sich, die Anmeldefrist ist schon abgelaufen. Trotzdem entscheidet man sich unter 34 Bewerbungen für ihn. St. Gallen: Das muss ein Neuanfang werden. Im Januar 1892 trifft er ein, «am Bodensee leuchteten mir die weissen Schneeberge der Säntisgruppe entgegen», erinnert er sich. «Ich ging mit pochendem Herzen zum Gewerbemuseum.» Es stand dort, wo sich heute das Textilmuseum befindet.

Nolde ist 25 Jahre alt, ein blonder, blasser, blauäugiger junger Mann, erinnert sich Hans Fehr, zu Beginn sein Schüler, später sein Freund, der ihn auch unterstützt in schweren Zeiten. Fehr läuft dem in höchstem Ansehen stehenden Lehrer Stauffacher davon. «Ich wusste nicht, was mich zu dem stillen, nordischen Manne hinzog», schreibt er. «Es war eine geheimnisvolle Kraft.»

Befangen vor lauter Mädchen

Nolde sagt wenig, tritt aber mit Bestimmtheit auf, beschreibt Fehr den Lehrer. «Seine Aufgabe war, im farblichen und ornamentalen Zeichnen zu unterrichten und gewerbliche Entwürfe für Handwerker auszuführen.» Als Lehrer ist er unerfahren, das Unterrichten bereitet ihm Mühe. Und: Es erschreckt ihn, als er sich unerwartet einer Klasse junger Frauen gegenüber sieht, «angehende Lehrerinnen und alle im höheren Backfischalter», wie er selber die Szene beschreibt. «Die Mädchen alle schauten verhalten, zuweilen auch schwärmend den jungen Fremdling an, wohl oft enttäuscht, denn das Gewissenhafte und meine strenge Art waren ihnen unverständlich.»

Träumend auf der Meglisalp

Gelegentlich malt er die Schülerinnen, allerdings immer nur zu zweit, «weil es der Anstand so wollte und ich auch. Nur sehend genoss ich die Blütenschönheit der jungen Mädchen mit ihren milden Rosenwangen.» Emil Nolde ist ein Poet, auch mit Worten. Aber er sitzt auch gern in der Wirtschaft, im «Hörnli», in der «Linde» oder im «Hecht». Männerfreundschaften und Männerbünde bestimmen sein Leben, noch nicht die Frauen. Das kommt erst später, als er auf Ada trifft, seine grosse Liebe und tüchtige Gefährtin bis ins hohe Alter. Nolde macht lange Ausflüge ins Appenzellerland und ins Berner Oberland, kraxelt auf Hügel und Berge. Und träumt vom Künstlerwerden.

«Nolde war kein guter Lehrer», stellt Hans Fehr fest. «Er sprach zu wenig und erklärte zu wenig.» 1897 wird er entlassen. Dies schliesst Kirsten Jüngling in ihrer Biographie aus dem Verwaltungsbericht des kaufmännischen Direktoriums. Es sei «Hrn. Hansen nicht gelungen, die gewerbliche Seite seiner Aufgabe in einer Weise auszubilden, wie man es erwartet hatte».

Die «Gebirgspostkarten»

Für Emil Nolde ist das keine Katastrophe. In seiner St. Galler Zeit kommt er ein gutes Stück vorwärts auf dem Weg zu seiner Kunst. Fehr nimmt ihn mit zu den Heimarbeitern, in 24 Zeichnungen, 1894 veröffentlicht, hält er «Typen aus Appenzell-Innerrhoden» fest. Er malt Jungfrau, Mönch und Eiger, die Mythen und das Matterhorn – das er auch besteigt. Und denen er menschliche Züge verleiht. Eine ganze Serie entsteht, die «Gebirgspostkarten», die er in grosser Auflage drucken lässt.

Letzte Reise in die Schweiz

Zum ersten Mal zeigt sich Emil Noldes Geschäftssinn. Die Postkarten verschaffen ihm ein finanzielles Polster, von dem er noch Jahre zehren wird. Seine Odyssee geht weiter, über München, Paris, Berlin, und immer wieder nach Schleswig, aufs Land. Er eckt an, mit seiner Art und seinem expressionistischen Stil. Zu Max Liebermann besteht eine besonders innige Feindschaft, Nolde pflegt sie mit heftigen antisemitischen Ausfällen.

Umso überraschter muss er sein, als er, mittlerweile erfolgreich und auch sehr wohlhabend, von den Nazis abgelehnt wird. Alles Sich-Andienen nützt nichts. Auch nicht ein glühender Brief an Reichspropagandaminister Goebbels, in dem Nolde versichert: «Meine Kunst ist deutsch, stark, herb und innig.» Seine Malerei gilt als «entartet», er bekommt Malverbot. Der Dorfpolizist hat den Auftrag, dies regelmässig zu kontrollieren. Heimlich malt Nolde weiter.

Nach dem Krieg gereicht diese Ächtung dem Ex-NSDAP-Mitglied zum Vorteil. 1946 stirbt seine Frau, 1948 – er ist jetzt über 80 – heiratet er noch einmal, eine 26-Jährige. Die Hochzeitsreise führt die beiden in die Schweiz. Als Emil Nolde am 13. April 1956 88-jährig stirbt, steht Hans Fehr an seinem Sarg, der Schüler und Freund aus der St. Galler Zeit. Ein Kreis schliesst sich.

Mit seinen Bergpostkarten – hier mit Jungfrau, Mönch und Eiger – hat Nolde enormen Erfolg.

Mit seinen Bergpostkarten – hier mit Jungfrau, Mönch und Eiger – hat Nolde enormen Erfolg.

Emil Nolde, 1896.

Emil Nolde, 1896.

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