Dorothee Elmiger lotet in ihrem neuen Buch «Aus der Zuckerfabrik» Begehren und Kolonialismus aus

Ein Roman ist das dritte Buch der Schweizer Autorin nicht geworden. Mit tollen Funden, aber allzu vielstimmig und ohne Schluss erzählt sie vom ersten Schweizer Lottomillionär, vor allem aber von sich selbst und den poetisch-politischen Erkundungen rund ums Thema Zucker.

Hansruedi Kugler
Drucken
Teilen
Dorothee Elmiger

Dorothee Elmiger

Peter Hassiepen | Munich

Die Autorin macht es einem fast zu leicht, sich über ihr neues Buch zu ärgern: chaotischer, mühsamer Montagetext, extreme Sprunghaftigkeit von Minifragment zu Minifragment, selbstverliebtes poetisch-politisches Tagebuch, hochtrabende Zitatschwemme aus Kulturtheorien, nervige Intertextualität. Kurz: ein anstrengender Spätling der Postmoderne. Aber da sind eben auch die brisanten Themen und die interessante, weil fragile und vielfältig poetische Erzählperspektive. Dies zeichnet Dorothee Elmiger seit je als faszinierende Autorin aus, die sich querstellt zur gegenwärtigen Renaissance des relativ einfachen Erzählens. Aber Achtung: «Aus der Zuckerfabrik» muss man sich erarbeiten und zweimal lesen. Da raucht schon mal der Schädel bei der Frage, wie das alles zusammenhängt. Also nichts für Leser, die einfach kluge, schön erzählte Romane mögen.

Als listige Rache tauscht sie bei Max Frisch die Geschlechterrollen

Mit ihren zwei bisherigen Romanen war die 35-Jährige 2010 und 2014 für den Schweizer Buchpreis nominiert. In «Schlafgänger» hatte sie 2014 in einem faszinierenden Stimmenorchester Emigration und Asyl aus der Sicht der Einheimischen erhellt. In ihrem neuen Buch nun erweitert sie ihren Stil mehrstimmiger Echolotungen in politisch-zeitkritische Themen mit einer autobiografischen Erzählerin. Und das ist das Hauptproblem dieses Buches. Denn die Erzählerin geht zwar den Spuren des ersten Schweizer Lottokönigs nach, der als braver Sanitärinstallateur in Haiti gratis Leitungen verlegt, sich aber in der Schweiz verzockt und bankrottgeht. Und packend schreibt sie unter anderem über die Mystikerin Teresa von Avila und den haitianischen Revolutionär Louverture. Aber die Zürcher Spaziergänge und Liebeleien der Erzählerin wirken banal und wie Lückenfüller, weil sie sich nicht recht mit der Recherche verbinden. Listig-witzig erfährt man hingegen vom zuckersüchtigen Ökonomen Adam Smith und von Max Frisch, dem bei seinem privaten Liebesweekend in Montauk nicht aufgefallen sei, dass vor derselben Küste 170 Jahre zuvor eine Meuterei von haitianischen Sklaven ein deprimierendes Ende gefunden hat. Als kleine Rache schreibt Elmiger eine Passage von Frischs Erzählung «Montauk» mit vertauschten Geschlechterrollen.

Humor findet sich leider selten. Die Ich-Erzählerin liest über die Leckerheit in mittelalterlichen Romanen, psychoanalytisch gedeutetes weibliches Begehren, die Revolution in Haiti, die Geschichte der Sklaverei und findet überraschende Verbindungen aus der Schweiz zur ehemaligen Sklaveninsel Haiti. Sie sucht in Literatur, Kolonialgeschichte und Kulturtheorie nach dem Zusammenhang von Begehren, Wahnsinn, Patriarchat, Kapitalismus. Und findet immer wieder neue Äste der Gier – vor allem der verheerenden kolonialen Gier nach Zucker. Allesamt spannende Themen. Ein Roman ist daraus nicht geworden. Was uns Dorothee Elmiger präsentiert, ist eher ein Tagebuch, das Echos, Analogien und Theoriefragmente als Erklärungsansätze einer «unlösbaren Szene» anbietet.

Im Wirrwarr wird alle Welterklärung neurotisch

Diese Szene geht so: Sie sieht im Fernsehen die Versteigerung von Objekten des bankrotten Lottomillionärs. Zwei Frauenfiguren, 30 Zentimeter hoch, schwarz, mit entblössten Brüsten, sind es, die sie nicht mehr loslassen. Als ob in diesem Moment «unterschiedliche Gesteinsobjekte, Himmelskörper, die sich zuvor lange Zeit scheinbar losgelöst voneinander um die Sonne bewegten» kollidierten und für sekundenlange Erleuchtung sorgten. Das klingt hochtrabend, aber man merkt: Die Erzählerin reflektiert ihr Interesse und später auch skeptisch ihr Schreiben als «Unsinn». Sklaverei, kolonialer Kapitalismus, patriarchales und feminines Begehren, Revolution. Das sind die «Himmelskörper», die in dieser Sekunde auf die Erzählerin einschlagen. Eine Abwehr scheint nicht möglich.

Die obsessive Recherche, sei sie noch so fragmentarisch, neurotisch, anekdotisch, märchenhaft und vage, bestimmt ihre Existenz. Schön bringt sie dies in einer der wenigen erzählerischen Passagen auf den metaphorischen Punkt: Als Kind sah sie sich zuerst fasziniert, dann immer verzweifelter von ungestümen Ziegen bedrängt. Es ist womöglich jene Situation, in der sich alle befinden, die sich aus Engagement ein klares, eindeutiges Bild der Welt machen wollen. Wenn man sich in diese fragile, vorläufige Warte versetzt, bringt man dem Buch Sympathie entgegen. Neugier ist ja bei aller Vergeblichkeit das Gegenteil von Ignoranz.

Dorothee Elmiger: Aus der Zuckerfabrik. Hanser Verlag, 272 Seiten.