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ELECTRO-POP: Am liebsten unsichtbar

Der St. Galler Marc Frischknecht liefert ein betörendes neues Album mit tanzbaren Songs. Der Sänger über sein Stottern, verlorene Seelen – und warum er sich erst spät zu singen traute.
Melissa Müller

Melissa Müller

melissa.mueller@tagblatt.ch

Ein brütend heisser Tag im St. Galler Stadtpark. «Ich find’ den Sommer nicht so toll», sagt Marc Frischknecht und setzt sich in den Schatten. An solchen Tagen verkriecht er sich am liebsten in den Katakomben seines Proberaums, «wo ich an meinem Zeug herumtüftle». Der schlaksige Musiker mit dem weissblonden Haar hat etwas Nordisches. Seine ganze Erscheinung suggeriert Zurückhaltung: das leise Sprechen, die sparsamen Gesten. Einer seiner neuen Songs heisst «Not good at Talking». «Weil ich ein ganz schlechter Redner bin», sagt der Sänger des Soloprojekts Yes I’m Very Tired Now. Früher habe er gestottert und in der Schule jeden Vortrag vermasselt. Heute rockt der 36-Jährige die Bühne mit minimalistisch-melancholischem Sound, der oft mit Depeche Mode verglichen wird.

Gerade ist «Wait» erschienen, sein zweites Album. Es sind vielschichtige Songs, die sich nicht gleich beim ersten Hören festsetzen – dann aber süchtig machen können. Das liegt am dunklen Timbre in Frischknechts Stimme, die auch mal gebrochen tönt, haucht und flüstert. Dabei war es bei ihm ein längerer Prozess, bis er sich ans Singen wagte. «Einzelne Leute sagten, das lässt du lieber sein, das Singen.» Das verunsicherte ihn. Doch heute ist just der ausdrucksstarke Gesang sein Markenzeichen.

Die eigene Stimme finden. So sein, wie man ist. Auch wenn man gegen den Strom schwimmen muss. Das ist kein Leichtes, was Marc Frischknecht schon als Jugendlicher merkte. Er schoss in die Höhe und überragte mit seinen 1,90 Metern alle Mitschüler. Manche hänselten ihn. Und er, «unsicher, scheu und introvertiert», wäre am liebsten unsichtbar geworden. Heute habe er keine Mühe mehr mit seiner Körpergrösse. Es störe ihn aber, dass viele Leute im Norm­denken verhaftet seien.

«Ich neige zu Selbstzweifeln»

Marc Frischknecht komponiert, singt und ist sein eigener Manager. Yes I’m Very Tired Now sei aber keine One-Man-Show. Im Hintergrund arbeiteten viele mit: Regisseure, eine Tontechnikerin, ein Lichttechniker, Booker, Grafiker und ein Produzent. Obschon Frischknecht einräumt, dass es nicht einfach sei, mit ihm zusammenzuarbeiten. So meint er über sich selbst: «Ich neige zu Perfektionismus, leide unter Stimmungsschwankungen und Selbstzweifeln.»

Monotone Disco-Beats und Synthesizerklänge vermischen sich auf dem neuen Album mit melodiösem Klavier, pulsierende Electro-Rhythmen treffen auf Seelentiefe. In den Songtexten lässt er viel zwischen den Zeilen stehen. Doch in jedem Song verarbeitet er eine persönliche Geschichte. In «Mexico» beschäftigt ihn die Demenz seiner Grosseltern, in «Bring back the Sun» sinniert der Vater zweier kleiner Buben darüber nach, wie man sich als Liebespaar auch nach vielen Jahren das Feuer bewahren kann.

Der Mitinhaber des St. Galler Cafés Oya spielt in Bands, seit er 15 ist. Früher war er im Duo Junes unterwegs, seit drei Jahren konzentriert er sich auf Yes I’m Very Tired Now. Dass der Erfolg unangenehme Seiten hat, erlebte er vor einem Jahr an einem Konzert. Fans skandierten, er solle seinen Hit «Shining Lights» nochmals spielen. Der Musiker verweigerte den Wunsch, «denn es war mir extrem unangenehm». Nach dem Konzert kassierte er eine Schelte von einer Zuhörerin. «Plötzlich haben die Leute Erwartungen.» Er habe nichts dagegen, im Alltag Kompromisse zu machen. Ausser in einem Bereich, da lässt er sich nicht dreinreden: Der Musik. «Das ist vollumfänglich mein Ding. Mein persönliches kleines Lebenswerk.» Er wolle nicht um jeden Preis gefallen. «Es ist mir lieber, wenn nicht so viele Leute an meine Konzerte kommen. Dafür solche, die sich wirklich für meine Musik interessieren.»

Beim Song «Waiting» kann man auch als Tanzmuffel nicht anders, als zu wippen. Obschon er den Soundtrack für wilde Nächte liefert, taucht der ehemalige Musikchef des Jugendradios Toxic.fm nur noch selten ins Partyleben ein. «Nichts gegen gediegenes Abstürzen. Aber ich sehe nicht mehr so den Sinn dahinter.»

Wie hat er zu seinem Selbstbewusstsein gefunden? «Du darfst niemanden allzu ernst nehmen», sagt er mit einem ironischen Augenzwinkern. «Und denk dran: Die anderen sind genauso verlorene Seelen wie du selbst.»

Albumtaufe

Do, 6.7., 20 Uhr, Kulturfestival, St. Gallen. Als Gäste von Marc Frischknecht treten Sängerin Natasha Waters und Crimer auf.

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