«Einmal Welt, bitte»: Die Pläne der neuen Intendantin des Stadttheaters Konstanz

Karin Becker leitet ab Sommer das Theater Konstanz. Die neue Intendantin und ihr Team haben Klassiker auf dem Spielplan und Uraufführungen – und ganz viel Theater für Kinder und Jugendliche. Und sie wollen sich mit dem Publikum streiten. 

Julia Nehmiz
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Karin Becker, neue Intendantin am Theater Konstanz.

Karin Becker, neue Intendantin am Theater Konstanz.

Bild: Ilja Mess

Das Motto klingt wie unser aller Traum für die ersehnte Nach-Corona-Zeit: «Einmal Welt, bitte», so der programmatische Titel von Karin Becker und ihrem Team für die erste Konstanzer Spielzeit. Und nein, das Spielzeitmotto habe lange vor der Coronapandemie festgestanden. Dass es jetzt im positiven wie negativen Sinne ein Volltreffer sei, sei Zufall, sagt Becker. Eine Interpretation mag sie nicht liefern.

«Jeder soll selber nachdenken über das Motto.»

Doch dann fügt sie an, es sei schon Wahnsinn, was auf der Welt passiere aktuell, Mauern werden hochgezogen, Grenzen dichtgemacht – sie will mit ihrem Theater einen Blick auf die Welt werfen, auf das Kostbare, auf die Diversität, will global denken, und da lasse sich der Bogen in die Bodenseeregion schlagen, es sei doch toll, dass es in Konstanz eine Fridays for Future-Gruppe gebe.

Es ist eine quirlige Spielplanvorstellung und, klar, eine pandemietaugliche: Per Videokonferenz stellen Intendantin Karin Becker, Chefdramaturgin Doris Happl und Kristo Šagor, Leiter des Kinder- und Jugendtheaters, ihr Programm vor. Becker, zuletzt künstlerische Betriebsdirektorin am Thalia Theater Hamburg, sitzt daheim vor einem imposanten Bücherregal, im Bild daneben grüsst Doris Happl vor weisser Wand aus Wien, und Kristo Šagor winkt aus einem neutral wirkenden Raum in die Kamera, die Basecap neckisch hochgeschoben.

Sie wollen andere Spuren verfolgen als Vorgänger Christoph Nix

Christoph Nix, streitbar und markant, hat in Konstanz grosse Fussstapfen hinterlassen. Doch das neue Team will sich nicht mit dem Vorgänger vergleichen. «Christoph Nix hat einen tollen Job gemacht, die Zuschauer mögen ihn», sagt Karin Becker. Doch sie und Nix seien zwei völlig verschiedene Menschen.

«Wir werden andere Spuren verfolgen.»

Und das sei doch das Schöne an der Kunst: Verschiedene Meinungen zu haben.

Spielplan kann trotz Corona bleiben wie geplant

Die Pandemie wirkt sich auch auf die Vorbereitungen des Konstanzer Neustarts aus. Da sei zum einen die bedrückende Sorge um nahestehende Menschen, sagt Karin Becker. Und dann die räumliche Distanz: Niemand von ihrem neuen Team sei in Konstanz, sie scherze schon «Karin allein in Konstanz».

Das neue Konstanzer Leitungsteam: (von links) Hannah Stollmayer, Franziska Autzen,  Chefdramaturgin Doris Happl, der Leiter des Kinder- und Jugentheaters Kristo Šagor, Meike Sasse, Romana Lautner und Intendantin Karin Becker.

Das neue Konstanzer Leitungsteam: (von links) Hannah Stollmayer, Franziska Autzen,  Chefdramaturgin Doris Happl, der Leiter des Kinder- und Jugentheaters Kristo Šagor, Meike Sasse, Romana Lautner und Intendantin Karin Becker. 

Bild: Ilja Mess

Ihr Team treffe sich normalerweise alle vier Wochen persönlich, in Wien, Hamburg oder Konstanz. Jetzt führen sie Personalgespräche und Besprechungen per Skype oder Zoom, nicht wie sonst am grossen Tisch. Die erste Ensembleversammlung verlief virtuell, die interne Spielplanvorstellung auch. Becker vermisst es, die Reaktionen zu spüren.

Sie freut sich auf den realen, analogen Start. Sie hofft, dass ihr neues Ensemble wie geplant ab dem 29. Juni mit Proben für die neue Spielzeit starten kann. Nach der Sommerpause gebe es dann ein kurzes Probenzeitfenster, bevor die neue Spielzeit am 26. September eröffnet wird mit Hans Falladas «Jeder stirbt für sich allein» im Grossen Haus und der Uraufführung «Generation Extinction» am 27. September, eine Art Theaterspaziergang in der Stadt.

Noch wissen die Theatermacherinnen nicht, für wie viele Zuschauer sie spielen dürfen. Den Spielplan müssten sie nicht umstellen, sagt Dramaturgin Happl, aber man denke über neue Räume nach und über andere Formate.

«Reingreifen in den grossen Schatz»

21 Premieren haben Karin Becker und ihr Team geplant, acht davon sind Kinder- und Jugendtheaterstücke. Der mehrfach preisgekrönte Theaterautor und Regisseur Kristo Šagor, betont, dass er in keiner Weise das Kinder- und Jugendtheater neu erfinden müsse, er könne «reingreifen in den grossen Schatz» dieser innovativen Szene.

Für ihn sei klar, dass sie Stücke bräuchten für alle Altersstufen. Er freut sich, dass sie nach dem Familienstück zur Weihnachtszeit noch eine zweite Produktion im Grossen Haus spielen: «Farm der Tiere».

Klassiker sind auf dem Programm sowie Uraufführungen junger Autorinnen und Autoren. Und: Eine Shakespeare-Komödie als Freilichtaufführung auf dem Münsterplatz.

«Wir stehen für ein Theater, das sich einmischt in politische Themen», sagt Dramaturgin Doris Happl. Theater dürfe aber auch sinnlich sein, unterhalten. Daneben pflege man diskursive Formate, in denen das Leitungsteam mit dem Publikum streiten und diskutieren wolle. Neu auch ein Festival, mit dem das Theater den Blick auf weibliches Kunstschaffen lenken will.

Man darf also gespannt sein, was das neue Team unter der Leitung von Karin Becker am Stadttheater Konstanz alles aushecken und auf die Bühne bringen wird - wenn Corona sie lässt.

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