Einheit über Stilgrenzen hinaus

Elektronik-Pionier Jean Michel Jarre hat Generationen von Musikern beeinflusst. Für sein Doppelalbum «Electronica», dessen erster Teil jetzt erschienen ist, hat er mit einigen zusammengearbeitet – und ist dafür um die halbe Welt gereist.

David Gadze
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Jean Michel Jarre hat nach siebenjähriger Pause ein neues Studioalbum mit Gastmusikern aufgenommen. (Bild: epa/Luca Piergiovanni)

Jean Michel Jarre hat nach siebenjähriger Pause ein neues Studioalbum mit Gastmusikern aufgenommen. (Bild: epa/Luca Piergiovanni)

Herr Jarre, auf Ihrem neuen Album «Electronica» versammeln Sie viele Berufskollegen aus der elektronischen Musikszene, Newcomer wie Veteranen. Wie ist es zu diesem Projekt gekommen?

Jean Michel Jarre: Es war schon lange mein Wunsch, mit Musikern zusammenzuarbeiten, die mich inspiriert und die direkt oder indirekt die elektronische Musikszene beeinflusst haben.

Was war Ihre Triebfeder? Die Neugier, sich auf andere Künstler einzulassen? Oder der Drang, sich selbst neu herauszufordern?

Jarre: Beides. Vor allem aber motivierte mich, dass wir heutzutage immer weniger Gefühle miteinander teilen und uns oft über Computer mit der Aussenwelt und den Mitmenschen verbinden. Gerade in der elektronischen Musikszene tendieren wir dazu, uns in unseren Studios zu isolieren. Der kreative Prozess ist oft etwas sehr Einsames. Das wollte ich aufbrechen. Es war eine kreative musikalische Reise.

Nicht nur – für die Aufnahmen sind Sie um die halbe Welt gereist.

Jarre: Heutzutage sind solche Kollaborationen im Trend, auch aus Marketinggründen. In der Regel schickt man sich gegenseitig Dateien hin und her, bis der Song fertig ist – ohne überhaupt miteinander zu sprechen oder sich zu treffen. Das widerspricht meiner Idee von einer Zusammenarbeit. Ich habe die Künstler besucht, um diese Werte, die uns als Musiker verbinden, zu teilen.

Jede Ihrer Platten ist ein in sich geschlossenes Werk. Wie haben Sie sichergestellt, dass «Electronica» aufgrund der vielen Künstler mit ihren unterschiedlichen Stilen nicht in die Einzelteile zerfällt?

Jarre: Eines vorweg: Ich stelle mir die Frage nach meinem eigenen Stil nicht. Er ergibt sich aus dem, was ich mache, nicht umgekehrt. Ich wusste anfangs zwar nicht, ob das Konzept von «Electronica» funktionieren würde. Es ist aber trotz der Vielfalt immer noch meine Platte, mindestens die Hälfte der Musik stammt von mir. Und im Stil jedes vertretenen Künstlers gibt es etwas, das meinem ähnlich ist. Diese Ähnlichkeit ergibt eine Einheit, die über die Stilfrage hinausgeht.

Dennoch hört man praktisch jedem Song die DNS des jeweiligen Musikers an. Wie weit haben Sie sich den Künstlern angepasst? Oder anders gefragt: Wie viel Freiheiten hatten Ihre Kollaborateure, ihre eigenen Ideen einzubringen?

Jarre: Es war mir ein Anliegen, dass man jeden Musiker auf der Platte spürt. Deshalb habe ich vor jedem Treffen den Song auf jeden einzelnen von ihnen zugeschnitten. Gleichzeitig wollte ich ihnen genug Freiraum für ihre eigenen Ideen lassen. Und die Künstler haben während des Prozesses meine Musik ergänzt und sich dadurch auch mir angepasst. So sind die Ideen ineinander geflossen, bis sie untrennbar miteinander verbunden waren.

Ein besonderer Song ist «Zero Gravity». Es ist eines der letzten Stücke, an dem Edgar Froese von Tangerine Dream vor seinem Tod im Januar dieses Jahres arbeitete.

Jarre: Das ist sehr bewegend für mich. Edgar stand ganz oben auf meiner Wunschliste. Tangerine Dream und ich begannen etwa zeitgleich, Musik zu machen. Ich habe ihn an seinem Wohnort in der Nähe von Wien besucht, wir verstanden uns sofort. Dieses Stück ist absolut zeitlos.

Das stimmige Gesamtbild der Platte, aus dem nur wenige Stücke herausfallen, ergibt sich auch aus der Reihenfolge der Songs.

Jarre: «Electronica» ist ein Projekt, das unsere Zeit widerspiegelt. Wir zappen konstant, bei allen Medien, die wir konsumieren. Gleichzeitig können wir einen ganzen Tag damit verbringen, eine Serie zu schauen. So sehe ich auch «Electronica»: Man kann einzelne Songs herauspicken, aber auch beide Platten als Gesamtwerke sehen, die zwar aus verschiedenen Folgen bestehen, aber Teil derselben Geschichte sind.

Dieses Herumzappen in der Musik haben Sie vor dreissig Jahren mit ihrem Album «Musique pour Supermarché», von dem bloss ein einziges Exemplar gepresst wurde, noch kritisiert. Sie sagten damals, die CD würde die Musik zerstören.

Jarre: Damals ging es vielmehr um die Tatsache, dass sich die Musikindustrie eben zu einer Industrie entwickelte. Musik wurde zu einem Produkt, das man fortan wie Zahnpasta verkaufte. Dadurch begannen Plattenfirmen, die Musik zu entwerten.

Eine Person, die eine Zusammenarbeit mit Ihnen stets abgelehnt hat, war Ihr Vater, der berühmte Hollywood-Komponist Maurice Jarre. Er verliess die Familie, als Sie fünf Jahre alt waren. Inwiefern hat seine Musik Sie beeinflusst?

Jarre: Wir hatten praktisch keine Beziehung. Wir haben auch nie miteinander über unsere Musik gesprochen. Das war traurig und schwierig für mich. Seit er vor fünf Jahren gestorben ist, ist das aber vergessen. Heute fühle ich mich ihm sehr nahe. Sein Einfluss auf mich beschränkt sich aber auf meine Gene.