Einer von echtem Herzensadel

Nichts kann sie trennen: den kleinen Cedric mit dem sonnigen Gemüt und seinen unterkühlten Grossvater, Graf Dorincourt. Heute hat «Der kleine Lord» am Theater St. Gallen Premiere; wir haben an der Generalprobe schon etwas Ponyduft geschnuppert.

Bettina Kugler
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Cedric (Luzian Hirzel) und der beste Grossvater von allen: ein steifes, adliges Scheusal (Bruno Riedl). (Bild: pd/Tine Edel)

Cedric (Luzian Hirzel) und der beste Grossvater von allen: ein steifes, adliges Scheusal (Bruno Riedl). (Bild: pd/Tine Edel)

ST. GALLEN. Er ist ein Ekel, er sieht zum Fürchten aus – und doch erobert er das Publikum der Generalprobe im Sturm. Draussen rollt der Donner, es regnet, «cats and dogs», englisches Hudelwetter eben. Kaum hat er sein erstes Wort gesagt, «Havisham!», in den düsteren Schlosssaal hinein, mit säuerlich spitzen Lippen und näselndem Tonfall, schon mögen die Kinder den bösen, verbitterten Alten. Warum auch immer.

Die Rede ist von John Arthur Molyneux Errol, Earl of Dorincourt alias Bruno Riedl. Als Graf mit steinernem Herzen und Gicht in den alten Knochen tritt er ein schweres Erbe an. Zumindest, wenn ab heute nicht nur Primarschüler im Parkett und auf den Rängen des Theaters St. Gallen sitzen, sondern auch ihre Eltern und Grosseltern mit einschlägigen TV-Erinnerungen: an den Film «Der kleine Lord», in dem Alec Guinness sich unsterblich gespielt hat.

Maske des Grauens

Wie ihn sein lebensfroher Enkel aus Amerika Stück für Stück aus dem Panzer falsch verstandener Noblesse befreit, wie er seine Gefühlskälte zum Schmelzen bringt durch innige Zuneigung und offenherzige Fragen: Das ist in diesem Film in feinsten Regungen der Augenbrauen zu sehen, in sprechenden Blicken. Man hört es in der Stille.

Die grosse Bühne freilich erfordert mehr, hier muss grösser gespielt und dicker aufgetragen werden – im Fall von Bruno Riedl übernimmt das die Maske. Die grauen Haare stehen ihm wie Lanzen vom Kopf ab, man muss schon sehr treuherzig in die Welt blicken, um dem bohrenden Blick unter den dunklen Augenbrauenbüschen standzuhalten.

Dafür spielt Riedl gewohnt sparsam; er setzt seine Worte knappestmöglich, vernichtend unmenschlich. Als könne er die lächerliche Gestalt ignorieren, zu der ihn die Verkleidung macht. Wobei die Bühnenfassung von Thomas Richter gut daran tut, die komischen Seiten der Geschichte hervorblitzen zu lassen: die Vorurteile diesseits und jenseits des Atlantiks, die kleinen Macken der Figuren – was auch die Nebenrollen attraktiv macht. Denn das Sentimentale mag im Roman von Frances H. Burnett seine Wirkung entfalten, es funktioniert bestens im Spielfilm – doch im Theater, zumal in einem Familienstück, ertragen wir es meist nicht lange. Man merkt, dass Regisseurin Dora Schneider Erfahrung mit Kinderstücken hat; die kleine Prise Musik (Thomas Richter) und Slapstick ist genau richtig dosiert.

Ponyreiten, Geisterstunde

Die Dienerschaft steckt in Union-Jack-Anzügen (Kostüme: Silke Fischer), ein Schlossgespenst geistert durchs Bild, und zweimal spürt man regelrecht, wie die kleinen Zuschauer am liebsten «jöööö!» sagen und sofort aufsitzen würden – nämlich auf Pony Mäxchen. Ruhig, mit grossen Augen schaut es ins Publikum und trägt den kleinen Lord durch die sattgrünen Ländereien mit Schafherden, Cottages, dem trutzigen Schloss. An den gemalten Kulissen von Bühnenbildner Tobias von Wolffersdorf kann sich das Auge weiden.

Grosse Gefühle im Spiel

Und doch lenkt wenig ab von dem charmanten Bengel, um den sich alles dreht: Cedric Errol, von jetzt auf sofort Lord Fauntleroy. Bei Luzian Hirzel hat er soviel Temperament, dass ihm die Knöpfe vom Samtanzug springen würden – also trägt er besser keinen. Trotzdem steht ihm die Rolle, und immer sind grosse Gefühle im Spiel. Ob mit den besten Freunden aus Amerika (Tim Kalhammer-Loew, Tobias Fend), der «liebsten» Mama (Diana Dengler) oder dem knorrigen Opa. Was «Etikette» ist? Keine Ahnung! Das Herz hat er dennoch am rechten Fleck. So müssen «Ristokraten» sein. Und gute Weihnachtsmärchen.

Premiere heute Sa, 14 Uhr