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Einer, der viele Wunder verbraucht

Die szenische Lesung von Joseph Roths «Legende vom heiligen Trinker» ist eine Liebeserklärung an das Leben – auch an ein scheinbar verpfuschtes. Matthias Peter liest sie an mehreren Orten.
Petra Mühlhäuser
Trunksucht mit Ironie: Lesung von Matthias Peter mit Pianist Urs Gühr. (Bild: Coralie Wenger)

Trunksucht mit Ironie: Lesung von Matthias Peter mit Pianist Urs Gühr. (Bild: Coralie Wenger)

Geld annehmen von dem gut gekleideten Herrn, der «den Eindruck eines Reisenden» macht? Nein, der Clochard und Trinker Andreas ist «ein Mann von Ehre, wenn auch ohne Adresse». Er will nichts nehmen, das er nicht zurückzahlen kann. Doch der andere besteht darauf, dass er die 200 Francs nimmt und sie bei Gelegenheit in einer bestimmten Kapelle zuhanden der heiligen Thérèse von Lisieux abgibt.

Wunder über Wunder

Das ist nur das erste einer ganzen Reihe von Wundern, so nennt es Andreas, was ihm nun alles widerfahren wird. Eine anrührende Geschichte entwickelt sich, vom Kellerbühne-Leiter Matthias Peter als szenische Lesung auf die Bühne gebracht und von Urs Gühr am Klavier begleitet. Mit sparsamen, aber umso wirkungsvoller gesetzten Gesten lässt Peter die Geschichte und ihre leise, liebevolle Selbstironie wirken. Denn der Autor Joseph Roth beschreibt darin seine eigene Trunksucht. Und das ohne anzuklagen, ohne Vorwürfe, Schuldzuweisungen und Alkoholmief. In seiner letzten Erzählung vor dem frühen Tod beschreibt er mit einem milden Blick, wie das ist mit so einem Trinker wie ihm.

Kaum hat Andreas die 200 Francs im Sack, geht er essen und – natürlich – trinken. Doch etwas hat sich verändert. Er beginnt sich zu fragen, welcher Tag wohl sein mag. Im Bistro wirft er einen Blick in den Spiegel – und lässt sich vor dem Bestellen erst mal rasieren. Er wird vom Kellner mit Respekt behandelt, ja er findet sogar für zwei Tage Arbeit.

Der Vorsatz ist da: Er will das Geld zurückgeben. Aber natürlich vertrinkt oder verjubelt er es stets, obwohl immer wieder von irgendwoher auf wundersame Weise eine neue Chance auftaucht. Andreas verbraucht viele Wunder.

Ins Geld geht auch, dass in ihm die Erinnerung an die Liebe erwacht. Tatsächlich läuft er beim ersten Versuch, den Betrag zurückzugeben, seiner Verflossenen Caroline über den Weg. Weitere schöne Frauen folgen, ebenso weitere Bekannte von früher.

Hürdenlauf zur Heiligen

Der hindernisreiche Weg zur Heiligen wird vom Blick in den Spiegel zur Auseinandersetzung mit seinem eigenen Leben. Eine happige Geschichte von harter Arbeit im Bergwerk und von einem Gefängnisaufenthalt – aber auch von Würde mitten in diesem gescheiterten Leben. Die Erzählung ist eine Liebeserklärung an das scheinbar verpfuschte Leben dieses Clochards.

Man ahnt es: Andreas kriegt das mit den 200 Francs nicht auf die Reihe. Gib einem Clochard Geld, und er wird es versaufen – so das Klischee. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Und so denkt man sich beim Verlassen des Theaters, dass dieser versöhnte Blick auf sich selber ja vielleicht viel wichtiger ist als das Begleichen von Schulden.

Sa 26.3., Kaffeehaus, St. Gallen, 20 Uhr; Do 31.3., Kunstraum Neinundaber, Lämmlisbrunnenstr. 41/2, 19 Uhr; So 3.4., Palais bleu, Trogen, 17 Uhr; Kollekten

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