Eine weltumspannende Geschwistersuche

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Hansruedi Kugler
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Miika Nousiainen Die Wurzel alles Guten. Nagel & Kimche, 254 S., Fr. 28.–

Die «Wurzel alles Guten» ist für den finnischen Autor Miika Nousiainen die Familie. Und weil sein Protagonist Peeka keine hat, sucht er sich seine Halbgeschwister auf der halben Welt zusammen. Von einer Zahnarztpraxis in Helsinki aus geht die Reise über Schweden und Thailand bis nach Australien. Immer grösser wird der Familienanhang und damit das lustige Reisetrüppchen. Dabei gestaltet sich die Suche reibungslos wie eine Kreuzfahrt. Statt Landgänge gibt es in exotischen Ländern neue Geschwister und deren teils dramatische Schicksale zu entdecken. Selbstfindung und Persönlichkeitsentwicklung der Protagonisten inklusive. Die Stimmung bleibt trotz ernster Themen wie der Vertreibung der Roma, Vatermord oder Kinderprostitution stets gut bis heiter. Nousiainens lockere Schreibe und sein Stil, auch grosse Themen wie die Lage der Ureinwohner in Australien auf wenigen Seiten zu skizzieren, geben dem Buch Tempo, aber keine Brisanz. Ein Roman wie eine gut gemachte TV-Serie; zeitgemäss, witzig, teils dramatisch, aber stets leicht verdaulich. Die Verfilmung ist bereits in Planung.

Katja Fischer De Santi

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Rodrigo Hasbun Die Affekte, Suhrkamp, 142 S., Fr. 27.–

Eine Auswandererfamilie zerbricht in Südamerika

Papa Hans war ein Nazi-Filmer. Ein Haudegen, der in den 1950er-Jahren mit der Familie nach Bolivien emigriert und ein verbissenes Abenteurerleben führt. In Rodrigo Hasbuns dichtem, kunstvollem Roman zerbricht die Familie über die Jahrzehnte. Könnte ein schweres, langatmiges Familienepos sein. Ist aber das Gegenteil: Hasbun lässt die Figuren in einzelnen Kapitel sprechen, anklagen, bemitleiden, sich rechtfertigen und überspringt immer wieder viele Jahre. Die Fragmente sind in sich so sinnlich und psychologisch eindringlich, dass man die fragmentarische Struktur des Romans nicht anstrengend empfindet. Man taucht in die unheilvolle Dynamik der radikalen Politisierung bis zum Guerilla-Tod im Dschungel neben Che Guevara ein, die Familienbande lösen sich auf, und Teile der Familie kehren nach Europa zurück. Die Fragmentierung der Erzählung bildet grossartig die Vereinzelung und die radikalen Sichtweisen ab.

Hansruedi Kugler