Eine wärmende Kultur

Der in Deutschland geborene Iraner Navid Kermani bekennt seine Faszination fürs Christentum. Sein Buch «Ungläubiges Staunen. Über das Christentum» ist sachlich, aber auch schwärmerisch.

Roland Mischke
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1967 ist er als Sohn aus dem Iran eingewanderter Eltern in Siegen geboren. Er ist Moslem, Orientalist, hat als Journalist gearbeitet, seine Bücher erhielten Preise, im Oktober wird ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. Navid Kermani blickt auf eine beachtliche Karriere zurück, er galt stets als islamischer Gelehrter. Nun bekennt er sich zu seiner Faszination am Christentum.

Das Gute am Christentum

Dem Wanderer zwischen Glaubenswelten von Ost und West ist es wichtig, seine subjektive Sicht auf den christlichen Glauben bekannt zu machen. Seine Religion, den Islam, hält er derzeit für verheerend. Dem Christentum jedoch, das allein mit den Kreuzzügen verheerendes Elend über die Welt gebracht hat, gesteht er kulturellen und religiösen Reichtum zu. Das trifft einige seiner Repräsentanten hart. Wolfgang Huber, bis vor kurzem Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche, zeigt sich fassungslos. In der FAZ konstatiert er, Kermani erkläre, «was am Christentum Bewunderung verdient: eine Liebe, die nicht nur dem Nächsten gilt. Sie geht über das Mass hinaus, auf das ein Mensch auch ohne Gott kommen könnte.»

Attraktiver Katholizismus

«In der Liebe zum Anderen kann man unbefangener, viel schwärmerischer sein», sagt Kermani. Neben das Schreckliche und Bedrückende stellt er das Erhebende und Berückende. Es ist die Kunst als Form der Anbetung, die ihn umtreibt, die Spiritualität, in der das Humane Platz hat. Er hält das für die «Kulturleistung» des Glaubens, die «sinnliche Erfahrung der Religion». Gemeint ist nicht abstrakte Theologie, sondern Musik von Bach, Malerei von Caravaggio oder Gerhard Richters Fenster für den Dom in Köln, Kermanis Wohnort. Es ist der römisch-rheinische Katholizismus, der ihn anzieht. «Kermanis kindliche Sozialisation im pietistischen Siegenland hat offenbar Blockaden hinterlassen, die bis heute nicht gelöst sind», so Huber.

Protestantismus ist zu trocken

Der Protestantismus ist Kermani zu trocken. Sein Christus ist ein Leidensmann, der viel Blut am Körper hat und allenfalls einen kranzförmigen Leuchtring um den Kopf. Luthers wortkräftige Bibelübersetzung lobt er aber als «poetische Kraft». Der Katholizismus kennt den Triumph, er hat Heilige, die Muttergottes, Pomp und Pracht – und Erotik. Kermanis sexuelle Anspielungen bei der Betrachtung christlicher Kunst sind vielfältig. Maria, die junge Mutter, sieht er als blendend schöne Frau, auf vielen mittelalterlichen Darstellungen sei sie jünger als Jesus, ihr Sohn, dargestellt. Für ihn eine grossartige Mystik, die sich evangelikalen Moralhütern mit Tunnelblick kaum erschliessen dürfte.

Es ist der frische Blick des Orientalisten auf das muffige Christentum und seine vergessene sinnliche Bildwelt, das diesem auf einmal Bedeutung verleiht, so der Autor. Der Islam sei ausschliesslich eine Schriftreligion, das Christentum dagegen habe eine Kultur hervorgebracht. Die warm sei, die den Menschen «herzt», auch wenn sie ihm viel abverlangt. Gott wird nicht nur starr geglaubt, er wird «in Momenten der Verzückung» erlebt. Es ist das Mitmenschliche, das Navid Kermani berührt. Deshalb sein «ungläubiges Staunen», seit er bei einem längeren Romaufenthalt auf die Kunst stiess, deshalb seine Liebeserklärung ans Christentum.

Navid Kermani: Ungläubiges Staunen. Über das Christentum. C. H. Beck, München, 304 S., Fr. 32.50