Eine verstörte Welt im ­Schwebezustand

Lesbar Ostschweiz

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Volker Mohr: Wunderbare neue Welt, Loco 2017, 142 S., Fr. 24.–

Banal-beschauliche Bettlektüre liegt dem Schaffhauser Autor Volker Mohr nicht. Seine Bücher beschreiben eine Welt, die leise aus den Fugen gerät, und Menschen, die das nicht verhindern können oder wollen. Sein neuester Geschichtenband heisst «Wunderbare neue Welt»; Aldous Huxleys «Schöne neue Welt» lässt grüssen. Mohr ist nicht Prophet, er erzählt von heutigen Irritationen. Da interviewt ein Journalist den neuen Delegierten des Bundes für Flüchtlingsfragen und sieht auf dessen Hemdkragen ein Abzeichen in Rautenform – dasselbe Zeichen wie damals auf SS-Uniformen. Ein anderer Journalist recherchiert skandalöse Verhältnisse im Bezirksgefängnis und verbringt eine Nacht in einer Zelle. Nachdem sein Artikel erschienen ist, verschwindet der Direktor – und taucht an einem unerwarteten Ort wieder auf. Volker Mohrs sieben Erzählungen haben einen ähnlich düsteren Grundton, einige durchzieht auch ein feiner Humor. Oft gelingt Mohr ein überraschender Dreh, der das Thema in der Schwebe hält. Das Unterschwellige beherrscht der Schaffhauser gut, atmosphärische Schilderungen hingegen wirken klobig oder klischiert.

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H. P. Gansner: Oswald & Imperia oder Beim Auge des Poeten, Edition Signathur 2017, 114 S., Fr. 18.–

Krass, was am Konstanzer Konzil abging

Hans Peter Gansner ist in allen Sparten daheim: Poesie und Prosa, Hörspiel und Theater, Essay und Übersetzung. «Bornhauser» unter Jean Grädels Regie etwa krönte 1991 die Thurgauer Veranstaltungen zur 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft – engagiertes Volkstheater wie sein jüngster Wurf. «Oswald & Imperia» war als Oper zum Konzils­jubiläum gedacht (die Idee hatte der Komponist Frédéric Bolli), doch Konstanz winkte ab. Ob es ihnen zu deftig erschienen war? Zum Glück hat der Dozwiler Verleger Bruno Oetterli das Libretto in seiner Edition Signathur verfügbar gemacht. Genüsslich lässt Gansner eine groteske Satire vom Stapel. Sein Sittengemälde des Konstanzer Konzils dreht sich um Dichter Oswald von Wolkenstein, der am Konzil für mehr Moral sorgen soll. Doch da ist Imperia, die Edelhure, und sie ist nicht allein. Derb und drastisch Gansners Figuren, und nicht nur die Mächtigen kriegen ihr Fett ab. Ein Heidenspass, auch ohne Bühne – aber nichts für zarte Seelen.

Dieter Langhart