Eine verführerische Kraft

Die angesehene Filmwissenschafterin Linda Williams markiert im Kinok den Auftakt zu einer interdisziplinären Konferenz an der HSG über das «Management von Gefühlen» und das Melodrama mit international renommierten Referenten.

Andreas Stock
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Moral und Emotionen: Catherine Deneuve in einer Szene aus dem Film «Belle de jour». (Bild: ky/Everett Collection)

Moral und Emotionen: Catherine Deneuve in einer Szene aus dem Film «Belle de jour». (Bild: ky/Everett Collection)

Emotionen prägen unser Leben, und das Kino ist ein besonderer Ort dafür, weil wir hier konzentrierte Gefühle erleben. Es ist somit nur opportun, wenn heute im Kinok mit einem prominenten Gast und zwei Filmen auf das Thema eingestimmt wird. Denn Emotionen und insbesondere eine Meta-Form davon, das Melodrama, werden diese Woche an der Universität HSG mit einer Podiumsdiskussion und der zweitägigen, interdisziplinären Konferenz «After the Tears – Victimhood and Subjectivity in the Melodramatic Mode» aus verschiedenen Blickwinkeln diskutiert.

Im Kinok mit Linda Williams

Die US-Amerikanerin Linda Williams zählt als Film- und Kulturwissenschafterin international zu den herausragenden Stimmen des interdisziplinären Film-Diskurses, deren Bücher und Artikel über Rassismus, Pornographie, den Surrealismus oder das Melodrama weltweit Beachtung gefunden haben. Für ihren Abend im Kinok hat Williams zwei Filme ausgewählt: «Belle de jour» von Luis Buñuel (18 Uhr) und «Im Reich der Sinne» von Nagisa Oshima (20.30 Uhr) – zwei Skandalfilme ihrer Zeit, in denen das Begehren und bürgerliche Moral eine zentrale Rolle spielen. Dazwischen (20 Uhr) erzählt die Professorin in Englisch, warum ihr diese zwei Filme besonders wichtig sind.

Prominent besetztes Podium

Linda Williams sitzt am Mittwoch an der HSG ebenfalls mit auf dem öffentlichen Haniel-Podium «Feel it! The Management of Emotions». Die Fragen, die die hochkarätige Runde in Englisch diskutiert, kreisen um die Verfügbarkeit der Gefühle und Möglichkeiten ihrer Beeinflussung. Denn Emotionen werden tagtäglich manipuliert, beeinflusst und beschworen. Sie sind zu einem Produkt geworden, mit dem Geld verdient werden kann – man spricht von «emotionalem Kapitalismus». Wie verändert das unseren Umgang mit Gefühlen?

Mit auf diesem Podium sitzen weiter die Bildungsforscherin Dorthe Staunaes aus Kopenhagen, der Organisationspsychologe Chris Steyaert (HSG) und die israelische Soziologin Eva Illouz; von der bekannten Professorin («Gefühle in Zeiten des Kapitalismus») ist soeben das neue Sachbuch «Warum Liebe weh tut» in Deutsch erschienen; dem Magazin «Spiegel» war dies eine vierseitige Besprechung wert.

Teil des Kontextstudiums

Sie alle werden an der zweitägigen öffentlichen Konferenz von Freitag/Samstag mitwirken, zudem der deutsche Filmwissenschafter Thomas Elsaesser, der Historiker Amos Goldberg, der Theologe Rolf Schieder, Ralph Poole (Amerikanische Geschichte) und Fatima Naqvi, die über «Architektur und Gefühle» referiert.

Organisiert wird die interdisziplinäre Konferenz von Jörg Metelmann und Scott Loren von der School of Humanities and Social Sciences der HSG. Ihre Aktivitäten an der Schnittstelle von Wirtschaft und Gesellschaft sind Teil des Kontextstudiums, das seit 2003 von der deutschen Haniel-Stiftung namhaft unterstützt wird. Dies ermöglichte bereits die Einladung des Architekten Daniel Libeskind oder des Regisseurs Christian Petzold an die Universität St. Gallen.

Helden, Schurken, Opfer

Jörg Metelmann, Programmleiter für Handlungskompetenz im Kontextstudium, unterrichtet Film- und Medienwissenschaft. Den Studierenden zu vermitteln, wie Film und Medien uns adressieren, ist sein Thema, denn: «Wer sie bloss als eine Form der Unterhaltung sieht, ist naiv. Sie sind verdichtete Realität und sagen viel über die Zeit, ihre gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Tendenzen aus.» Gemeinsam mit Scott Loren forscht Metelmann zum Melodrama als «kulturellen Modus». Ihr Blick geht dabei über das klassische Kinogenre hinaus und benutzt das Melodrama als ein «Deutungsschema», die Welt zu sehen. Darin geht es um Helden, Opfer und Schurken und um moralische Fragen. Denn Moral und Emotionen bilden den Kern des Melodramas.

«Das Melodrama als Wahrnehmungsmuster hat eine verführerische Kraft», sagt Metelmann. Er nennt als Beispiele die Anschläge vom 11. September, aus denen US-Präsident Bush und die Medien ein Melodrama gemacht haben. Oder das geniale «i-Produktemarketing» eines Steve Jobs: Wie wirkt es sich auf unsere Gefühle aus, wenn wir eine emotionale Bindung zu einem Computer oder Mobiltelefon entwickeln? An viele Gefühle komme man mit Worten nicht heran, das Melodrama sei eine Möglichkeit darüber zu diskutieren, ob und wie sich Emotionen verändert haben. Genau dies soll aus Sicht unterschiedlicher Disziplinen erörtert werden.

Heute Di, Kinok Lokremise, Filmbeginn 18 und 20.30 Uhr; Morgen Mi, Haniel-Podium, Universität HSG, Senatssaal 09-011, 18.15 Uhr; Eintritt frei; 11./12.11., Konferenz, genaues Programm: www.afterthetears.ch