Eine süffige, schräge Niederdorfoper

Lesbar Literarisch

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Serpentina Hagner Der Märchenmaler von Zürich, Edition Moderne, 62 S., Fr. 27.–

Geschwängert, sitzengelassen und dann sich durchs Leben mogeln – Serpentina Hagner zeichnet die Lebensgeschichten der Mutter und der Grossmutter ihres Vaters. Und somit ein langes Kapitel Sozialgeschichte Zürichs. Ihr Vater, der versponnene Märchenmaler Miggel Medardus Hagner, ein kurioses Niederdorforiginal, war ein Kuckuckskind. Dessen geliebter Vater, eigentlich sein Stiefvater, durfte davon nichts wissen. So wird Miggel zum Zeugen und Mitwisser von Ehebrüchen, Gelegenheitsprostitution und Betrügereien. Die Last der Lügerei hat ihn im Alter zum gebrochenen Eigenbrötler gemacht, schreibt Serpentina Hagner im Vorwort. Charmant und etwas kindlich gezeichnet, berichtet sie in dieser Graphic Novel vom Durchwursteln der kleinen Leute, von Lausbubenstreichen und von der Liebe, vor allem in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts: vom Jahrmarktmädchen Pauline, die wegen des Knabenschiessens in Zürich hängenbleibt und ihr Kind weggeben muss, bis zur frivolen, lebenslustigen Ehebrecherin Käthi. Eine süffige, etwas andere Niederdorfoper mit vielen Stadtzürcher Schauplätzen. Im Anhang sind einige von Menardus’ eigenen Bildergeschichten angefügt.

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Volker Meid Das Buch der Literatur, Reclam, 526 S., Fr. 29.–

Schönes Handbuch für Literaturinteressierte

Der Literaturwissenschafter Volker Meid ist Barockspezialist und Herausgeber zahlreicher Überblicksdarstellungen zur deutschen Literaturgeschichte. In diesem prächtig illustrierten, vorbildlich gegliederten Band erläutert er jeweils mit kurzen Schlaglichtern nicht nur die herausragenden Werke und Autoren von Wolfram von Eschenbach bis Peter Handke, sondern auch viele Aspekte des Literaturbetriebs: vom Buch im Frühmittelalter über Erziehung im 18. Jahrhundert bis zum aktuellen Verlagswesen. Zu den kurzen Artikeln stellt Meid jeweils Fotos von Schauplätzen literarischer Handlungen, Plakate, Porträts oder Fotos und Zeichnungen von Theateraufführungen. Der Band hat das Zeug, zum Standardwerk für die Schule zu werden. Auch geeignet als schönes Handbuch für Literaturinteressierte, zumal sehr gut erschlossen über ein Register und eine leider etwas schmale Auswahl weiterführender Literatur.

Hansruedi Kugler