Eine Stimme gegen die Wand

Die Wahlsanktgallerin Valérie Maerten ist besonders in den Sommermonaten eine vielbeschäftigte Sängerin. Dann tourt sie mit ihrem Pullup Orchestra durch die Schweiz und Europa. Und singt dabei gegen eine explosive Wand aus Bläsern an.

Michael Hasler
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Die St. Galler Sängerin Valérie Maerten. (Bild: pd)

Die St. Galler Sängerin Valérie Maerten. (Bild: pd)

Maerten. Klar. Der Name ist in der Stadtsanktgaller Musikszene ein fester Begriff. Primär natürlich wegen Nathalie Maerten, eines der vier Geschwister von Valérie Maerten. Nathalie ist aktuell mit ihrem Projekt Sika Lobi durchaus erfolgreich unterwegs.

Aber da ist eben auch die weniger bekannte, erst 31 Jahre junge Valérie, die wie ihre expressivere Schwester seit einem halben Leben Musik macht. Und dies durchaus nicht weniger erfolgreich. Nur, Valérie Maertens Auftrittsorte sind neben Schweizer Bühnen vor allem auch viele Strassenplätze in diversen europäischen Städten. Neben Bern, Zürich oder Basel hat das Pullup Orchestra bei seinen allsommerlichen Roadtrips auch in Barcelona, Linz, Jena, München, Lyon und Waterford haltgemacht.

Acht Stunden Nonstop-Konzert

Um den Sog dieser Brassband zu begreifen, empfiehlt es sich, die Musik des Pullup Orchestras live oder zumindest als Live-Video im Netz zu erleben. Denn in der Unmittelbarkeit des Austauschs mit den Passanten liegt die Magie dieses nimmermüden Zehntetts. Bereits acht Jahre hat das aus der Herisauer Formation Hilarious hervorgegangene Ensemble überlebt und sich stetig weiterentwickelt.

In diesem Sommer bereiste die Brassband, die ihren explosiv-treibenden Sound mit Hip-Hop anreichert, neuerlich die Schweiz und Europa – mit ihrem aktuellen Tonträger «The Brad LP» im Gepäck. Und als wäre der Roadtrip nicht schon anstrengend genug, stellte sich die Band im achten Jahr gleich auch acht Herausforderungen.

«Natürlich wollten wir dies auch für unsere Promoarbeit nutzen, aber grundsätzlich wollten wir ausloten, ob wir nach acht Jahren noch immer die Energie haben, jeder Herausforderung standzuhalten», erklärt Valérie Maerten. Unter dem Begriff «The Brad Challenge» bestritt die Big Band unter anderem ein achtstündiges Konzert im Winterthurer Salzhaus oder meisterte in zwei Tagen acht Strassenshows in acht verschiedenen Schweizer Städten. Die selbst auferlegten Herausforderungen des Pullup Orchestras decken sich wunderbar mit Valérie Maertens eigenem Weg.

Kein einfacher Weg

Sie ist keine, die es sich einfach macht oder je einfach gemacht hätte. Bezeichnet man sie als «Rocky», winkt sie zwar lächelnd ab, gibt aber unumwunden zu, dass es den Kern ihres Lebens dann und wann schon treffe. Mit knapp 20, eine Woche nach ihrem Abschluss als Grafikerin, gebar sie ihren Sohn Pablo. Sie erinnert sich und lächelt: «Die anderen waren auf der Abschlussreise und ich bekam mein Kind. Das ging alles unheimlich schnell. Rückblickend hätte ich für all das gerne mehr Zeit gehabt.»

Es war der Start eines Doppellebens als Grafikerin und bald einmal alleinerziehende Mutter. Und natürlich war da auch immer die Musik. Die Herausforderung der Mehrfachbelastung führte sie dann und wann an den Rand ihrer Energie, machte sie aber auch stärker. Auch musikalisch so stark, dass sie heute unumstösslich gegen die Bläserwand im Pullup Orchestra ansingt. «Ich musste lernen, einen Weg zu finden, wie ich mich mit meiner Stimme gegen diese Wand durchsetzen konnte. Ich glaube, dass ich an dieser Aufgabe gewachsen bin», erzählt sie selbstbewusst.

Der Traum vom eigenen Projekt

Und doch träumt sie dann und wann von einer Formation, in der sie mehr Platz hätte, mehr Raum wäre für ihre Stimme. Als Featuring in verschiedenen Jazzformationen ist dies bereits der Fall, aber dort sind es eher kommerzielle Anlässe, an denen sie auftritt. Doch der tiefere Traum greift weiter, wohl nach einem eigenen Projekt, ob elektronisch oder akustisch, sei dabei nicht entscheidend.

Und wie war das nun mit der bekannteren Schwester Nathalie? «Wir haben immer wieder Musik miteinander gemacht oder springen auch füreinander ein, wenn mal ein terminlicher Engpass da ist. Neid oder Konkurrenz gab es zwischen uns nie», sagt sie so entspannt, dass man ihr das glaubt und auch gar nicht weiter hinterfragen mag.