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Eine schrecklich nette Richterin

Der Dokumentarfilm «Ni juge ni soumise» ist ein eigenwilliges Porträt einer Untersuchungsrichterin, der nichts Menschliches fremd ist – unglaublich und beunruhigend.
Geri Krebs
Anne Gruwez bei einer Zeugenbefragung. (Bild: Praesens Film AG)

Anne Gruwez bei einer Zeugenbefragung. (Bild: Praesens Film AG)

«Möchten Sie Ihrem Mandanten nicht vielleicht ein Taschentuch geben?» Die ironische Frage von Untersuchungsrichterin Anne Gruwez geht an die Anwältin eines drogenabhängigen Wiederholungstäters, der in ihrem Büro im Justizpalast von Brüssel vor ihr sitzt. Der Mann ist wegen eines Raubüberfalls auf einen 84-Jährigen angeklagt und zerfliesst vor Selbstmitleid, als er darum bettelt, nicht noch einmal ins Gefängnis zu müssen, denn damit würde sein Leben ruiniert. Er selber sei es, der alles getan habe, um sein Leben zu ruinieren, entgegnet ihm Anne Gruwez ungerührt, die Gesetze seien nun einmal so.

Rabenschwarze Dokumentarfilmkomödie

Kürzlich antwortete Anne Gruwez in einem Interview auf die Frage, weshalb sie im Film der beiden TV-Journalisten Jean Libon und Yves Hinant mitmache: Sie wolle die Leute mit der Justiz vertraut machen, ihnen das Funktionieren dieses von den meisten als abstrakt empfundenen Apparats verständlich machen.

Zwischen 2014 und 2016 gewährte die resolute Frau den beiden Regisseuren Einblick in ihren Alltag. Dabei gehört die eingangs erwähnte Szene eindeutig zum Harmlosesten, was dieser Film bietet, der sich jeder Kategorisierung entzieht und den man wohl am ehesten als rabenschwarze Dokumentarfilmkomödie bezeichnen könnte.

Exhumierung und jede Menge Galgenhumor

Wenn die so freundliche wie exzentrische Frau – als Haustier hält sie sich eine Ratte und ihr Auto ist ein hellblauer 2CV – anlässlich eines 20 Jahre zurückliegenden unaufgeklärten Mordfalls an zwei Prostituierten eine Exhumierung anordnet und am Ort des Geschehens auch anwesend ist; oder wenn sie eine Kindsmörderin befragt und diese die Details ihres Verbrechens in einer Weise beschreibt als würde sie ein Kochrezept erklären, dann schwankt man als Zuschauer nur zwischen barem Entsetzen und hilflosem Lachen. «Ni juge ni soumise» ist definitiv nichts für schwache Nerven – aber auf jeden Fall ein grossartig gestalteter Film über eine starke Frau, die trotz ihres Galgenhumors weit von jeglichem Zynismus entfernt scheint.

Der Filmtitel ist eine etwas hilflose Anspielung auf «Ni putes ni soumises», jene 2003 in den Banlieues französischer Grossstädte entstandene Protestbewegung von Frauen mit meist muslimischem Migrationshintergrund, die sich gegen die patriarchale Gewalt und archaische Rollenverständnisse in den Parallelgesellschaften der Einwanderer organisierten.

Die Bewegung ist seit Beginn des laufenden Jahrzehnts medial weniger präsent als in ihren Anfangsjahren. So muss bezweifelt werden, ob der Titel überhaupt verstanden wird. Er macht einzig bei jenen Szenen Sinn, in denen Anne Gurwitz sich mit dem Machoverhalten von «Klienten» mit muslimischem Hintergrund auseinandersetzt. Doch diese Szenen machen nur einen kleinen Teil des Films, was der Grund dafür seine dürfte, dass er im englischsprachigen Sprachraum «So Help Me God» heisst.Wobei an der Hilfe von Letzterem aber auch Zweifel bestehen.

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