Eine Prise Trash

Jurierte Kunst Das Heimspiel 2012 besticht durch hohe Qualität, doch elektrisierende Neuentdeckungen fehlen. Christina Genova

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Markus Müller mit einer Sperrholz-Skulptur in der Kunsthalle St. Gallen. (Bild: Sebastian Stadler)

Markus Müller mit einer Sperrholz-Skulptur in der Kunsthalle St. Gallen. (Bild: Sebastian Stadler)

Ein güldener Strom ergiesst sich im Kunstmuseum St. Gallen, wie im Grimmschen Märchen über Goldmarie. Doch nicht Frau Holle, sondern der Bregenzer Künstler Marbod Fritsch hatte hier die Hände im Spiel. Die spektakuläre Installation «Easy come Easy go» besteht aus Isolierdecken, wie sie zur Standardausrüstung jedes Autofahrers gehören. Wunderbar gelingt es dem Künstler, der millimeterdünnen Folie einen skulpturalen Charakter zu entlocken und über den ästhetischen Gehalt der Installation auch inhaltliche Fragen anzusprechen. Sie reichen vom hohen Goldpreis, der durch die Wirtschaftskrise bedingt ist, zu den Menschen, die deswegen ihre Wohnungen und Häuser verlieren und sogar obdachlos werden. Denn diese goldenen Isolierdecken braucht man nur in äusserster Not.

53 Auserwählte

Wer ist dabei, wer hat es in die Ränge geschafft? Alle drei Jahre ist wieder «Heimspiel»-Zeit. Kunstschaffende mit Bezug zu den Kantonen St. Gallen, Thurgau und den beiden Appenzell, dem Fürstentum Liechtenstein und dem Land Vorarlberg durften sich um eine Teilnahme an der jurierten Gruppenausstellung im Kunstmuseum und in der Kunsthalle St. Gallen bewerben. Dass über 400 Künstlerinnen und Künstler die Einladung annahmen und ein Dossier einreichten, spricht für den guten Ruf und die grosse Bedeutung der Ausstellung. Es gibt wohl keinen Ostschweizer Künstler, der nicht zumindest heimlich auf die Namenliste mit den 53 Auserwählten schielen würde. Auch nicht fehlen darf dabei der «Salon des Refusées». In nächster Nähe zum Kunstmuseum, im ehemaligen Hotel Ekkehard, laden die Übergangenen zu ihrem eigenen «Spiel» ein.

Viele «flache Arbeiten»

Trotz der grossen Vielfalt und Anzahl der ausgestellten Werke lassen sich einige Tendenzen erkennen: Ein Rundgang durch die sorgfältig kuratierten Ausstellungen in Kunstmuseum und Kunsthalle offenbart, dass Videoarbeiten, Skulpturen und Installationen in der Minderzahl sind. Man sieht viele Fotoarbeiten, Zeichnungen und Gemälde. Dies habe zum einen pragmatische Gründe, meint Kunsthalle-Direktor Giovanni Carmine. Für die Künstler sei die Eingabe einer «flachen Arbeit» bei einem Wettbewerb mit weniger Aufwand verbunden. Andererseits sei der Videohype bei den Künstlern der jüngeren Generation mittlerweile vorbei.

Stille Poesie

Um Aufmerksamkeit heischende Arbeiten sind beim diesjährigen «Heimspiel» selten. Stille, zurückhaltende Positionen, auf die man sich einlassen und für welche man sich Zeit nehmen muss, dominieren. Berührend ist ein letzter Gruss des im August an Krebs verstorbenen Fotografen Dieter Berke (1953–2012), der mit der Camera Obscura ein menschenleeres Hotelzimmer einfing. Die Fotografie bringt mit ihrer weichen und unscharfen Zeichnung die Verlorenheit und Einsamkeit des in seiner Krankheit vom Alltag Ausgeschlossenen subtil zum Ausdruck.

Gezähmte Natur

Ein besonders gelungenes Ensemble bildet die Werkgruppe im südlichen Seitensaal des Kunstmuseums. Die Keramik-Spatzen der Künstlerzwillinge Reto und Markus Huber werden im Tod zu Paradiesvögeln. Jon Etter kritisiert mit seiner Fotografie ausgestopfter Tiere im Naturmuseum den Versuch, die Natur einzuschliessen und zu dominieren. Auch der in Stettfurt lebende Othmar Eder thematisiert mit seinen aufwendigen Bleistiftzeichnungen die komplexe Beziehung zwischen Mensch und Natur. Wunderbar poetisch wirken die Flugbewegungen von Insekten, die das Licht einer Strassenlampe umschwärmen. André Bless konnte sie dank fotografischer Langzeitbelichtung festhalten.

Trash und Favoriten

Doch etwas Trash und Skurrilität darf im sonst sehr gesitteten «Heimspiel» nicht fehlen. Am besten bedient wird man in dieser Hinsicht mit dem Künstlerkollektiv U5 in der Kunsthalle. Aus Fundstücken, Bastelmaterial und Alltagsgegenständen haben sie einen Trashaltar samt Diashow aufgebaut. Aber auch der St. Galler Beni Bischof macht mit seinem aus Ikonen der amerikanischen Konsumkultur bestehenden Objekt «Rambo First Blood Part II» seinem Ruf als Ostschweizer Trashkönig alle Ehre.

Doch welches sind die Favoriten der Museumsdirektoren? Ein direktes Statement wollte Giovanni Carmine sich nicht entlocken lassen doch zeigte er sich sehr angetan von den Werken der beiden ältesten Teilnehmer Ernst Bonda (*1923) und Johanna Nissen-Grosser (*1931). Auch der jüngste «Heimspieler» Sebastian Stadler (*1988) scheint ihn beeindruckt zu haben: Seine Videoarbeit «lumi / ei lunta» sei ziemlich eindrücklich für einen derart jungen Künstler. Dies verspreche viel Gutes für die Zukunft. Der Direktor des Kunstmuseums Roland Wäspe hingegen konnte es sich nicht verkneifen, den in Zürich lebenden Künstler Christian Vetter als einen der begabtesten Maler Europas zu bezeichnen.

Es regnet Gold im Kunstmuseum St. Gallen dank des Vorarlberger Künstlers Marbod Fritsch. (Bild: Hanspeter Schiess)

Es regnet Gold im Kunstmuseum St. Gallen dank des Vorarlberger Künstlers Marbod Fritsch. (Bild: Hanspeter Schiess)