Eine neue, wilde Sicht auf zwei alte Bekannte

Der Dirigent Teodor Currentzis und sein Orchester Musicaeterna zeigen in zwei Aufnahmen, wie spannend das Altbekannte in der Klassik sein kann. Rameau besticht durch enorme Spielfreude, und in Mozarts Oper «Così fan tutte» bleiben auch sängerisch keine Wünsche offen.

Tobias Gerosa
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Teodor Currentzis bei den CD-Aufnahmen. (Bild: Anton Zavyalov)

Teodor Currentzis bei den CD-Aufnahmen. (Bild: Anton Zavyalov)

Es klingt zuerst, als wäre der CD-Spieler kaputt: Man hört ein langes, fahles Grummeln. Nach zehn Sekunden erhebt sich aus diesem lang ausgehaltenen Ton eine wiegende Melodie – atmend, zart, elegant.

Hörer, die nach Klarheit suchen

Man muss dem 1972 in Athen geborenen Dirigenten Teodor Currentzis nicht unbedingt folgen, wenn er diese «Musette et Tambourin» aus Jean-Philippe Rameaus «Fêtes d'Hébé» im Booklet als musikalische Beschreibung des Lichts und als «Musik für Hörer bezeichnet, die nach einer neuen Klarheit suchen, nach einer tieferen Wahrheit über sich selbst». Man kann sich auch fragen: Zerstören solche esoterisch-vollmundigen Ankündigungen nicht den Zauber, den diese Aufnahme rein durch die Musik da längst gemacht hat?

Die Ruhe und das Feuer

Currentzis setzt sich auf dieser Rameau-CD über die Mode weg: Er kompiliert aus diversen Werken dieses französischen Barockmeisters eine 18sätzige Suite aus vorwiegend orchestralen und einigen gesungenen Nummern von einer guten Stunde Länge. Unter dem Titel «The Sound of Light» messen Currentzis und sein Musicaeterna-Orchester aus Perm am Ural hier mit musikantischem Feuer und immer wieder bewundernswerter Ruhe die ganze Spannweite Rameaus aus. Der tänzerische Schwung, die zupackende Dramatik fesseln dabei unmittelbar. Und je mehr man davon hört, umso nachvollziehbarer wird Currentzis Erklärungsversuch. Mindestens deshalb, weil hier Musiker mit einer klaren Vorstellung, ja einer Vision am Werk sind, und die in bestechender Weise musikalisch zu übermitteln verstehen.

Als dasselbe Team vor einem Jahr seine erste grosse Opern-Gesamtaufnahme herausbrachte, machten die grossen Ankündigungen skeptisch, jetzt freute man sich nach «Le Nozze di Figaro» schon nur noch auf «Così fan tutte». Blieben bei der ersten Aufnahme sängerisch noch ein paar Wünsche offen, so sind diese jetzt erfüllt. Mozarts Oper wird hier zur existenziellen Erfahrung für sechs junge Leute.

Die Worte und die Musik

Nebst den wieder quecksilbrig wachen, zupackenden und so unendlich zärtlich spielenden Musikern von Musicaeterna, deren Fortepiano-Spieler Maxim Emelynychev die Rezitative zu dramatisch kommentierten Szenen macht, ist ein stilistisch hervorragend homogenes Ensemble zu hören: Klare, gut fokussierte Sänger, die genauso auf die Worte wie die Musik achten. Simone Kermes und Malena Ernman sind ein tief empfindendes und technisch absolut hochstehendes Schwesternpaar – beispielhaft Fiordiligis grosse Arie «Come scoglio» oder die Ensemble-Szenen.

Östlichste Millionenstadt

Die Begeisterung über ein bisher wenig bekanntes Ensemble war schon lange nicht mehr so gross. Teodor Currentzis' Oper in Perm am Ural sei ein «utopischer Ort» mit traumhaften Bedingungen, erläutert das CD-Booklet: Die Resultate aus der östlichsten Millionenstadt Europas bestätigen das aufs Eindrücklichste.

Wolfgang Amadeus Mozart: Così fan tutte, Teodor Currentzis, Musicaeterna, 3 CDs Sony Classical Jean-Philippe Rameau: The Sound of Light, zusammengestellt und dirigiert von Teodor Currentzis, Musicaeterna, Sony Classical

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