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Eine Mutter zerbricht an ihren Schuldgefühlen

In Sandra Hughes' neuem Roman «Fallen» muss eine Mutter auf die harte Tour lernen, sich von ihrem Sohn abzunabeln – auf die ganz harte Tour. Für die überfürsorgliche Vera wird ein Albtraum wahr, als ihr Teenagersohn eines Abends nicht rechtzeitig heimkommt.
Irene Widmer
Sandra Hughes: Fallen. Roman. Dörlemann Verlag 2016, 160 Seiten, Fr. 27.-

Sandra Hughes: Fallen. Roman. Dörlemann Verlag 2016, 160 Seiten, Fr. 27.-

In Sandra Hughes' neuem Roman «Fallen» muss eine Mutter auf die harte Tour lernen, sich von ihrem Sohn abzunabeln – auf die ganz harte Tour. Für die überfürsorgliche Vera wird ein Albtraum wahr, als ihr Teenagersohn eines Abends nicht rechtzeitig heimkommt. Als Leser ist man ganz nah an ihr dran, begleitet ihr banges Warten von Minute zu Minute. Man erlebt ihren Zusammenbruch, als sie erfährt, was passiert ist, ihre wirren, von Beruhigungsmitteln hervorgerufenen Tagträume und Halluzinationen.

Egozentrische Trauer

Auch ihre Erinnerungen an Lucas Geburt, die ebenfalls schon von überwältigenden Ängsten begleitet war. Die Kränkung, die sie empfand, als sie die Notiz des noch kleinen Buben las: «Mama ist blöd, Papa ist lieb.» Das Eingeständnis ihrer lebenslangen Schutzbedürftigkeit trotz familiärer Geborgenheit und beruflichem Erfolg.

Das ist alles zunächst echt bewegend. Nicht einmal in Tatsachenberichten liest man so viel Authentizität, denn Laien mangelt es meist am sprachlichen Instrumentarium. Hughes vermittelt mit kurzen, mal atemlosen, mal lethargischen Sätzen Veras Gemütsverfassung. Doch irgendwann wird es einem zu viel: Vera wird völlig apathisch. Als sie es das erste Mal nach zwei Monaten richtig aus dem Haus schafft, ins Museum, vergleicht sie die Bus- und Tramstationen bis dorthin allen Ernstes mit dem Leidensweg Christi.

«Bist du gelähmt oder ich?»

Dann endlich spricht es Luca aus: «Hör mit dem Heulen auf, bist du gelähmt oder ich?» Es ist nicht der allerschlimmste Fall eingetreten. Der 15-Jährige ist vor dem Bancomaten zusammengebrochen. Zehn Leute stiegen über ihn hinweg und zogen Geld aus dem Automaten. Erst nach einer Stunde rief jemand die Ambulanz. Die durch die Verzögerung verursachten Schäden sind erheblich, aber nicht hoffnungslos. Vera, beruflich Fachfrau für Restauration, wirkt kaum an der Rehabilitation von Luca mit. Sie badet ausgiebig im Selbstmitleid, unterbrochen nur durch eine schnell verglühende Wut über die Leute, die dem Jungen nicht geholfen haben. Die Frau, mit der man so mitgelitten hat, wird einem ganz langsam unsympathisch. Ohne viel von Luca zu erfahren, fühlt man sich ihm am Ende enger verbunden als seiner Mutter. Der Junge wird – auf die härtestmögliche Tour – lernen, auf eigenen Beinen zu stehen. Ob Vera das je können wird, ist fraglich.

Scharfer Blick auf Schwächen

Sandra Hughes, 1966 in Luzern geboren, studierte Kunstwissenschaft und arbeitet in der Abteilung Kultur Basel-Stadt. «Fallen» ist ihr vierter Roman und ist ein kleines, unspektakuläres Buch. Seine Stärke liegt vor allem im Emotionalen und in der Art, wie sich aus einem vom Leid verpixelten Porträt langsam das scharfe Abbild einer Frau mit allen ihren Schwächen herausschält.

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